Gilles Marchand

20 Jahre nach «Loft Story» und «Big Brother»

Vor 20 Jahren erreichte die Reality-TV-Welle die Westschweiz. Die Wochenzeitschrift «L’illustré» widmet dem Phänomen diese Woche ein komplettes Dossier. Eine gute Gelegenheit, auf einen Trend zurückzukommen, der das Publikum und die Erzählweise im Fernsehen nachhaltig prägte.

Heute, 20 Jahre später, gibt es zahlreiche Nachfolgerformate. Eines der bekanntesten – und immer noch sehr beliebten – ist «Koh-Lanta» auf TF1, das nach wie vor auf die bewährten Codes Abschotten oder Einsperren, Abgrenzen und geskriptete – und dadurch explosive – soziale Beziehungen setzt. Dann gibt es die Kochsendungen, mit klarem Machtgefälle zwischen Küchenchef und Kandidat. Und natürlich zählen auch die vielen Datingformate dazu, bei denen in Feld, Wald und Wiese oder auch im Grossstadtdschungel mehr oder weniger tränenreich nach der grossen Liebe gesucht wird.

Neben den direkten Nachfolgern gibt es die entfernteren Verwandten wie die straff geführten Gesangsshows, allen voran die bemerkenswert effiziente Castingshow «The Voice».

Reality-TV: Vorbote von Social Media und Voyeurismus

Die Woge kam nicht aus dem Nichts. In den angelsächsischen Ländern (auch bei der BBC) wurde bereits experimentiert. Eine grosse Produktionsfirma hat sich diese ersten Versuche geschnappt und daraus «Loft Story» entwickelt und lanciert. Man muss sich den damaligen Kontext vor Augen führen, da gab es noch keine sozialen Netzwerke, auf denen man sich hemmungslos austoben konnte. Doch das Bedürfnis, am Leben der anderen teilzunehmen und «hinzuschauen», bestand natürlich damals schon. Vielleicht lässt sich Reality-TV gar als Vorbote zum Riesentrend Social Media lesen, wo jede und jeder das eigene Leben grenzenlos ausbreiten kann. Denn auch für Reality-TV Version 1.0 war eine der wichtigsten Zutaten bereits reiner Voyeurismus.

Davon abgesehen darf nicht vergessen werden, dass den TV-Formaten, bei denen Menschen aus der Gemeinschaft ausgeschlossen, eingesperrt und beobachtet werden, oft wissenschaftliche, insbesondere sozialpsychologische Versuche zugrunde liegen, etwa die gefilmten Milgram-Experimente über den Gehorsam in den 1960er Jahren. Dann gab es andere spannende Versuche, insbesondere auch bei TSR. Ich denke zum Beispiel an die Sendung «Au cœur du racisme» von Yvan Dalain aus dem Jahr 1984, wo Rassisten und Opfer von Rassismus gemeinsam vier Tage in einer Hütte im Jura verbrachten, um sich ihren Erfahrungen zu stellen, und die Kamera schaute (achtsam) zu. Das Echo war riesig und löste eine regelrechte gesellschaftliche Debatte aus, die ohne jeden Zweifel sehr wertvoll war.

TSR sagte Ja zu Reality-TV, Nein zu Voyeurismus und Blossstellung

Dieser Trend zu Beginn des neuen Jahrtausends traf TSR unvorbereitet. Zuerst sind wir dem Phänomen begegnet, indem wir es bewusst überzeichnet haben. Wir setzten auf ein äusserst originelles Format von Point Prod und Vincent Gonet. Das Prinzip bestand darin, eine reine Fiktion zu zeigen, die sich aber der Codes des Reality-TVs bediente. Kurzum, wir wollten mit dem grenzwertigen Format «Génération 01» zum Nachdenken anregen. Die Westschweiz stutzte und die Polemik liess nicht auf sich warten, auch innerhalb des Senders nicht.

 

Reine Fiktion, die sich aber der Codes des Reality-TVs bediente: «Génération 01»

 

Daraufhin haben wir mit Raymond Vouillamoz zur Diskussion geladen, nach der letzten Folge der Serie und Kolleginnen und Kollegen der öffentlichen französischsprachigen Fernsehsender an einen Tisch gebeten. Bei dieser Gelegenheit haben wir – live – die Grundlagen gelegt, wie wir mit diesem Phänomen umgehen wollen. Auf die Kürzestformel gebracht: Ja zu Reality-TV, Nein zu Voyeurismus und Blossstellung. Anschliessend haben wir eine ganze Reihe neuer Formate lanciert, produziert von Béatrice Barton, die äusserst innovativ waren und vor Ideen nur so sprudelten, was gut ankam. Das bekannteste darunter ist sicher «Le mayen 1903». Andere folgten, mit Fokus auf die Mediation oder die ältere Generation, die unwahrscheinliche Persönlichkeiten ins Bild brachten. Dann kam der Renner «Dîners à la ferme» mit den Hofbesuchen und auch gemeinschaftliche sportliche Spitzenleistungen wie «La grande traversée des alpes».

Das war eine äusserst kreative Zeit bei TSR, die Lancierung von «Loft Story» auf M6 war die Triebfeder. Wir antworteten darauf mit unseren Mitteln, Service-public-gerecht. Auf diese Antwort können wir stolz sein. Unsere Nutzungszahlen brachen nicht ein, hielten den Marktanteil in der Primetime zwischen 35 und 40 Prozent. M6 konnte trotzdem von «Loft Story» profitieren, luchste ein paar Prozentpunkte ab und positionierte sich als junger, innovativer Sender.

Werbefenster als trojanische Pferde – wahre Budgetmagneten

Denn natürlich steckte eine Verkaufsstrategie hinter der Programmierung: das Aufkommen der extrem rentablen Werbefenster, Supermagneten für Werbebudgets. Die kommerziellen deutschen Sender machten den Anfang. In der Westschweiz war M6 der erste Sender, TF1 trat später auf den Plan. Dass in diesen Formaten Kandidatinnen und Kandidaten aus der Schweiz mitwirkten, erleichterte den Sendern natürlich ihre Verankerung auf dem Schweizer Markt, wobei sie nebenbei enormen Schaden anrichteten. Denn heute fliessen über 330 Millionen Franken aus dem Schweizer Markt zu französischen und deutschen Sendern ab. Dadurch wird kein einziger Rappen in die Wertschöpfung in der Schweiz reinvestiert. Das ist und bleibt auch nach 20 Jahren ein grosses Problem, unter dem die gesamte inländische Produktion leidet.

Ein nachhaltiger, tiefgreifender Wandel der narrativen Codes

Und dennoch: Narrative Reality-TV-Codes finden sich inzwischen in fast allen TV-Genres wieder, einschliesslich in Informationssendungen. Man denke an den Einsatz versteckter Kameras oder an vermeintlich vertrauliche «Exklusivinterviews», die auf zahlreichen Sendern florieren. Diese mehr oder weniger authentischen Erfahrungsberichte stellen die Grundmaterie für die unzähligen YouTube-Kanäle und andere Influencer-Formate auf Social Media.

Ohne einen Blick in die Kristallkugel werfen zu wollen, sehe ich zwei Trends für die Zukunft des Reality-TVs: Der erste ist willkommen und zu wünschen, denn er ermöglicht es dem Film, wie eh und je vom und über das Leben zu erzählen. Die Rede ist vom «Fernsehen der Realitäten», das mit geskripteten Formaten und dokumentarischen Narrationen arbeitet. Nyon in der Westschweiz beheimatet eines der wichtigsten Festivals dieses Genres weltweit, das Dokfilmfestival Visions du réel, das nächste Woche startet. Der zweite Trend ist höchst problematisch und ich hoffe, dass er sich nicht bewahrheitet. Gemeint ist die totale Manipulation zu kommerziellen oder politischen Zwecken, mit erschreckenden Auswüchsen. Wen es interessiert, dem empfehle ich den Film «Le prix du danger» von Yves Boisset mit Gérard Lanvin und Michel Piccoli aus dem Jahr 1982. Der sagt alles.

Wenn wir also von dieser manipulierten Welt ausgehen, die bereits vor 40 Jahren (!) beschrieben wurde, und an die Techniken von heute denken, mit Implantaten und Minikameras und lückenlosem Tracing, da kann es einem leicht den Atem verschlagen, hätten wir nicht den Service public!

Gilles Marchand
Generaldirektor SRG SSR

 

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