Gilles Marchand

Bei der SRG bekommt die Kultur den Platz, der ihr gebührt

Immer wieder wird heftig darüber diskutiert, welchen Platz die Kultur im Programm der SRG-Sender einnimmt bzw. einnehmen sollte. Für Espace 2 war das der Fall, für Radio SRF 2 Kultur hört die Diskussion praktisch nie auf und seit einigen Wochen nun steht RSI im Fokus. Speziell die Weiterentwicklung von Rete Due erhitzt die Gemüter. Eine Petition wurde lanciert und verschiedene Stimmen aus der Politik äusserten sich zum Thema.

Diese Diskussionen sind normal, notwendig und willkommen, belegen sie doch, wie wichtig das Thema ist. Ich bin überzeugt, dass Kultur in jeder Ausgestaltungsform für den Erhalt einer vielfältigen Gesellschaft lebenswichtig und für den Service public grundlegend ist.

Hochwertige Informationen, ein interessantes Kulturangebot und Programme, welche die Schweiz und die Menschen, die hier leben, vereinen, bilden für alle Sprachregionen und über alle Vektoren hinweg die Grundpfeiler unserer Programmpolitik.

Aber die mediale Behandlung von Kultur ist ein komplexes und facettenreiches Thema.

Die SRG bringt Kultur in den Sendungen, kommentiert sie und debattiert darüber, sie zeigt Reportagen und überträgt Kultur live, sie weist auf Veranstaltungen hin und unterstützt sie mit ihrem Engagement zugunsten von Festivals, Orchestern und Ausstellungen. Diese breite Palette an Präsenz sichert der Kultur ihren festen Platz im Service-public-Angebot. Die SRG koproduziert zudem Filme und Dokumentationen, nimmt Konzerte in der ganzen Schweiz auf, realisiert Interviews und Gespräche mit Kunstschaffenden aus allen Sparten. Dieses Engagement hat bei uns Konstanz.

Die Frage nach der Präsenz von Kultur in der Gesellschaft und der Rolle der Medien wirft spannende Fragen auf: Wie lässt sich sicherstellen, dass eine kulturelle Produktion ihr Publikum erreicht? Wie führt man das Publikum an kulturelle Themen und Veranstaltungen heran? Das zu erreichen ist eine der Hauptaufgaben des Service public.

 

2019 übertrugen die Unternehmenseinheiten der SRG Bild, Ton und Stimmung der Fête des Vignerons in Vevey.

 

Sicher sind viele von uns der Meinung, dass das Ziel von Kulturschaffen darin besteht, ein Publikum zu erreichen. Mit der Begegnung von Publikum und Kultur entsteht Interesse, Neugier, Gespräch, Kontroverse und Reflexion. Wenn wir unter uns und beim Vertrauten bleiben, gefährden wir die Strahlkraft von Kultur.

Mit diesen Überlegungen im Hintergrund versuchen wir in allen Regionen des Landes zwei Zielsetzungen zu erreichen: einerseits die Lust des Publikums auf Kultur in all ihren Formen zu wecken und zu steigern, andrerseits den richtigen Mix an Kanälen zu finden, über die wir Kultur verbreiten (Radio, Fernsehen, digital).

Dabei ist zu betonen, dass die Kultur heute mit den digitalen Möglichkeiten eine einzigartige Chance erhält. Sie hat sich vom zeitdefinierten Korsett befreit. Dank einer klugen Kombination von klassischen linearen Übertragungen und digitalen A-la-carte-Angeboten schaden ihr verpasste kulturelle Rendez-vous nicht mehr.

Wir versuchen, die kulturellen Inhalte auf die Radio- und TV-Sender sowie unsere Internetplattformen neu und gut zu verteilen. In der Westschweiz sind wir dabei einer mehrgleisigen Strategie gefolgt: Begonnen haben wir mit der Neuausrichtung von Espace 2, der jetzt mehr Klassik bringt. Gleichzeitig wurden für das erste Radioprogramm, das ein breiteres Publikum anspricht, anregende Kultursendungen entwickelt. Dann wurden für das Fernsehen und die digitalen Kanäle zusätzlich Konzerte aufgenommen und übertragen. Schliesslich kamen hochwertige «Newsletter» dazu, die sich spezifischen Themen widmen wie beispielsweise der Literatur.

Die Reaktionen aus dem Kulturbereich sind ermutigend.

Auch in der Deutschschweiz sind die Diskussionen über die Verteilung der Inhalte zwischen linear und digital weit gediehen. Das Thema wird intensiv diskutiert. RSI stellt ähnliche Überlegungen an. Die Strategie wird mehrgleisig, entsprechend den zur Verfügung stehenden Mitteln. Das Kulturangebot neu zu denken, bedeutet nicht, die Qualität der Programme oder der vorgestellten Werke zu schmälern.

Was mir zum jetzigen Zeitpunkt wichtig erscheint, ist, dass wir mit der Offenheit aller kulturellen Akteurinnen und Akteure rechnen können. Ich denke hier an Kunstschaffende, Journalistinnen und Journalisten sowie an die Institutionen. Diese Offenheit, die grundlegend ist, um gute Lösungen zu finden, ist die erste qualitative Voraussetzung im schöpferischen Prozess. Keine vorgefertigten Meinungen, keine prinzipiengesteuerten Bremsen, im Gegenteil: offene Debatten im Interesse aller, Experimente, Versuche und Diskussionen, was letztlich zu Erfolgen führt, auf die wir alle stolz sein können.

Diese Ambition, diese Offenheit treibt die SRG an. Nur gemeinsam und mit dieser Haltung wird es uns gelingen, auch weiterhin hochwertige kulturelle Vielfalt in der ganzen Schweiz anzubieten.

 

Gilles Marchand
Generaldirektor SRG SSR

 

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