Das aus für RTS?

big © RTS/SSR/Vaudeville Studios

Interview in TV8, Nr. 10. Das Gespräch führte Patrick Morier-Genoud.

«Wenn die Stimmbürgerinnen und Stimmbürger die No-Billag-Initiative annehmen, ist dies das Aus für RTS.» Gilles Marchand, der Direktor von RTS, nimmt kein Blatt vor den Mund, wenn er beschreibt, was die für 2018 vorgesehene Abstimmung bedeutet.

Der audiovisuelle Service public steht derzeit vielerorts zur Debatte. Und im nächsten Jahr kommt die No-Billag-Initiative zur Abstimmung. Sie verlangt die Abschaffung der Empfangsgebühr, mit der der audiovisuelle Service public finanziert wird. Die Konzessionen sollen, so die Initianten, versteigert werden.

Die No-Billag-Initiative betrifft nicht nur die Billag als Erhebungsstelle für Radio- und Fernsehempfangsgebühren …

Nein. Korrekt müsste die Initiative «No SRG» heissen. Bei einer Annahme hätte sie unmittelbare und unumkehrbare Folgen, nicht nur für RTS, sondern auch für die privaten Radio- und Fernsehsender, die ebenfalls einen Teil der Gebühren erhalten. Und von ihnen gibt es nicht wenige.

«No Billag», das ist effektiv ein Nein zur audiovisuellen Landschaft der Schweiz. Zudem ist es ein Nein zur Solidarität innerhalb der Eidgenossenschaft. Ob Lausanne, Genf, Lugano oder Zürich: Die SRG macht es möglich, dass in allen Landesteilen gleichermassen hochwertige Radio- und Fernsehprogramme angeboten werden. Das ist der Kern der Bundesstaatsidee. Das Gegenteil einer Zwei-Klassen-Mediengesellschaft.

Sollte man trotz allem den Service public nicht neu definieren?

Doch, und zwar immer wieder. Meiner Ansicht nach sollte er ein Vollprogramm bieten und sich an alle richten. Andere Stimmen rufen nach einer Beschränkung auf Nachrichten und Kultursendungen, der ganze Rest soll den Privatsendern überlassen werden. Leider lässt sich in der Schweiz mit ihren drei grossen Sprachregionen am Markt kein äquivalentes audiovisuelles Angebot finanzieren. Bei einem solchen Modell würden die – bereits in ihrem Heimmarkt finanzierten – deutschen, französischen und italienischen Anbieter den Schweizer Markt überfluten und die Schweizer Anbieter verdrängen.

In der Schweiz strahlen diese ausländischen Anbieter Programme aus, die für ein anderes Publikum konzipiert sind, und schöpfen nebenbei noch Einnahmen aus der Lokalwerbung ab. Sie reinvestieren ihre Gewinne aber nicht in Schweizer Produktionen. Gibt es wirklich Leute, die glauben, dass sich M6 für kantonale Wahlen in der Westschweiz interessiert oder TF1 etwas an den Ergebnissen der Schweizer Hockeyclubs und Fussballvereine liegt?

Wer entscheidet, was das Schweizer Fernsehpublikum interessiert? Sie, Herr Marchand?

Ganz so einfach ist es nicht! Wir halten uns an eine Konzession, die uns von den demokratisch gewählten Gremien unseres Landes vorgegeben wird. Sie bestimmt den Rahmen, in dem ich arbeite. Unsere Aufgabe als Berufsleute ist es, diesen Rahmen in Programme umzusetzen.

Die Konzession gibt zum Beispiel vor, dass wir zur Bildung der öffentlichen Meinung beizutragen haben. Daher bieten wir in Radio und Fernsehen sowie im Internet politische Diskussionen, Sondersendungen an den Abstimmungstagen und Debatten an. Für die Bereiche Kultur und Unterhaltung gilt dasselbe. An der Umsetzung werden wir gemessen. Beurteilt wird die Popularität unserer Programme und auch, ob sie ausgewogen sind. Wir stehen immer unter Beobachtung und wir müssen Rechenschaft ablegen. Das ist ganz normal so.

Und wenn ich nur für das zahle, was ich effektiv auch sehe?

Das Problem ist die kritische Masse. Es wäre extrem teuer, für die Bevölkerung der kleinen Schweiz Programme à la carte anzubieten. Die fixen Produktionskosten entwickeln sich nicht proportional zur Anzahl Fernsehzuschauer. In Paris, Berlin oder Genf bezahlen Sie ungefähr gleich viel für eine Kamera, obwohl die Schweiz zehn Mal weniger Einwohnerinnen und Einwohner zählt! Um in der Schweiz ein À-la-carte-Modell durchzusetzen, zum Beispiel für die Skiweltmeisterschaft in St. Moritz, müssten die, die ein bestimmtes Rennen sehen wollen, einzeln sehr teuer dafür bezahlen, damit wir Zweitausstrahlungen vornehmen können.

Nach unseren Berechnungen auf Basis der Anzahl der in der Schweiz vor dem Fernseher verbrachten Stunden ergibt sich bei einem marktüblichen Ansatz von 4 Franken pro Stunde eine Rechnung von fast 1000 Franken pro Jahr. Ältere Menschen mit grösserem Fernsehkonsum müssten 2000 Franken entrichten. Gerecht ist dies nicht. Ehrlich gesagt, liesse sich nur sparen, wenn das Westschweizer Publikum weniger RTS und mehr französische Sender nutzte. Will die Öffentlichkeit auch in Zukunft Sendungen von RTS sehen, bleibt eine solidarische Gebühr für die meisten am interessanten.

Wer sind die aktuellen Gegner der SRG?

Auf politischer Ebene ist es ein Teil des Parlaments, in dem die Ansicht vorherrscht, dass der Service public zu viel Platz einnehme und dass man ihn zurechtstutzen müsse, um den Privaten mehr Raum zu schaffen. In den Printmedien haben unsere Kolleginnen und Kollegen mit grossen Schwierigkeiten zu kämpfen. Sie sind – völlig zu Unrecht – der Meinung, dass eine Schwächung der SRG ihnen wieder zu hohen Werbeeinnahmen verhelfen würde. Wie alle anderen Anbieter müssen auch wir uns zudem den Digital Natives stellen, die nur das bezahlen wollen, was sie konsumieren, und der Meinung sind, dass Informationen gratis zu haben sein sollen.

Vielleicht liegt das Problem darin, dass der Service public, für den Sie einstehen, sich nicht in nackten Zahlen zusammenfassen lässt …

Ja, es geht über das rein Materielle hinaus und ist eine Frage der Kultur. Beim Service public geht es um das «Zusammenleben». Gott sei Dank kann man das nicht in einer Excel-Tabelle zusammenfassen. Der Service public darf nicht nur an seiner Performance gemessen werden, die Verhältnisse sind deutlich komplexer. Wer – wie wir – viel Geld für die Produktion von Filmen aufwendet, tut dies nicht, um damit Geld zu verdienen, sondern weil es wichtig ist, dass die Schweiz Filme macht, die zeigen, wer wir eigentlich sind. Wer – wie wir – das Orchestre de la Suisse Romande und das Orchestre de Chambre de Lausanne unterstützt, tut dies nicht, um Marktanteile zu gewinnen, sondern weil er der Meinung ist, dass unser Land Orchester von internationalem Rang braucht.

Trotz allem … die SRG ist auch eine Wirtschaftsakteurin.

Die SRG, das sind rund 6000 qualifizierte Arbeitsplätze in der Schweiz. Die Produktion schafft indirekt weitere 6700 Arbeitsplätze. Würde die SRG abgeschafft, wären 13 000 Arbeitsplätze in Gefahr. Eine Katastrophe, nicht zuletzt für die Berufsbildung und die audiovisuellen Berufskompetenzen. Die SRG muss mit anderen Wirtschaftsakteuren zusammenspannen.

In der kleinen Schweiz können wir es uns nicht leisten, uns gegenseitig zu zerfleischen. Dieses Spiel sollten wir den grossen Plattformen wie Google und Facebook überlassen. Es ist viel gescheiter, Brücken zu schlagen, statt uns um die Krümel zu streiten, die uns andere übrig lassen.

Würde ein Ja zur No-Billag-Initiative wirklich das Aus für die SRG bedeuten?

Es wäre das Ende des Service public. Viele Menschen blieben auf der Strecke. Damit meine ich nicht etwa die Mitarbeitenden, sondern vor allem das Publikum. Vor dem Urnengang sollten sich die Stimmbürgerinnen und Stimmbürger fragen, ob es für sie wichtig ist, schweizerische Nachrichten, Sportmeldungen, Filme und Veranstaltungen im Fernsehen und im Radio zu verfolgen. Bei einem Ja zu «No Billag» wären alle diese Angebote ernsthaft in Gefahr. Für RTS wäre ein Ja das Aus. La Télé, Canal 9, Léman Bleu, Canal Alpha und viele andere müssten mit grössten, wahrscheinlich fatalen Schwierigkeiten rechnen.

 

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