Das (ungleiche) Kräfteverhältnis im Spiel GAFA gegen Service public

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Es liegen Zahlen vor, welche die Debatte erhellen: Die Europäische Rundfunkunion EBU hat kürzlich interessante Analysen zur Lage der Service-public-Medien (Public Service Media, PSM) in Europa veröffentlicht.

Zu lesen ist da etwa, dass die Internet- und Technologiegiganten (von Apple über Amazon, Alphabet, Microsoft, Facebook, Alibaba, Netflix und Spotify bis hin zu Twitter) 2016–17 ihre Erlöse um knapp 30 Prozent und ihre Gewinne um 35 Prozent steigern konnten. Im selben Zeitraum sanken die Einnahmen der zehn grössten europäischen Service-public-Anbieter, darunter der SRG, um 0,2 Prozent.

Es ist daher nicht verwunderlich, dass die Big Techs, angeführt von Netflix, mit mehr als 10 Milliarden Euro pro Jahr (einem Plus von 38 Prozent) signifikant mehr in ihre Inhalte investiert haben. 2018 will Netflix total 13 Milliarden in seine Inhalte investieren.

Insgesamt sind die zehn grössten Internetriesen 40-mal stärker gewachsen als die 65 Service-public-Unternehmen, die der EBU nahestehen. Dem nicht genug: Google und Facebook allein konnten 2017 70 Prozent der Onlinewerbeausgaben auf sich bündeln.

Die ersten acht Sekunden sind entscheidend

Was eine solche Durchschlagkraft tatsächlich bedeutet, zeigt sich am Einfluss der neuen Screens auf unseren Alltag: Wir verbringen fast eine Stunde pro Tag mit Internetrecherchen und wechseln über 20-mal pro Stunde zwischen verschiedenen Bildschirminhalten hin und her. Und das bei einer Aufmerksamkeitsspanne von gerade mal acht Sekunden!

Das Beunruhigende an diesem beispiellosen Anstieg sind nicht die Milliarden, die über die Medienindustrie hereinbrechen werden wie die Heuschrecken über Ägypten – das könnte ja allenfalls die Kreativität ankurbeln! Nein. Das Problem liegt in der Verteilung dieser Investitionen. So machen laut EBU europäische Filme gerade mal 20 Prozent der Kataloge von SVoD-Diensten aus.

Die europäischen PSM hingegen wenden 80 Prozent ihrer Mittel für die lokale Produktion auf. 44 Prozent der Inhalte, die sie ausstrahlen, sind europäische Filme (gegenüber 24 Prozent bei den kommerziellen Sendern). Und sie sind an 73 Prozent aller in Europa produzierten TV-Filme beteiligt (gegenüber lediglich 1,2 Prozent bei den Big Techs wie Netflix, Amazon und anderen).

Nicht nur eine finanzielle, sondern in erster Linie eine kulturelle Frage

Die geschwächte Finanzkraft der europäischen Service-public-Veranstalter ist daher nicht nur eine Frage des Geschäftsmodells, sie betrifft auch die Kultur.

Wie die EBU in ihrem Bericht über die Finanzierung der Service-public-Medien zu Recht festhält, belaufen sich die Betriebskosten der 65 öffentlichen Veranstalter, die 48 Märkte abdecken, auf 35 Milliarden Euro. Das heisst, dass die PSM global 28,8 Prozent des Umsatzes des europäischen audiovisuellen Sektors generieren. Die Finanzierung der Service-public-Medien entspricht demnach 0,17 Prozent des BIP der EBU-Mitgliedstaaten. Bedenkt man, dass der Grossteil dieser Mittel wieder in die jeweiligen Märkte investiert wird, erscheint dieser doch eher bescheidene Anteil am BIP ein relativ geringer Einsatz zu sein für den nicht unwesentlichen Beitrag an das europäische Schaffen!

Trotz alledem erhielten die PSM 2017 1,4 Prozent weniger Mittel.

Mit Effizienzsteigerungen kann diese fortschreitende Erosion nicht vollständig kompensiert werden. Die gesamte Investitionskraft zugunsten des europäischen audiovisuellen Schaffens steht auf dem Spiel und mit ihr die ganze unabhängige Produktion, die stark auf Koproduktionen mit den öffentlichen Sendern angewiesen ist.

Dies einige Überlegungen zur Frage, die Helsinki, London, Lissabon und Berlin derzeit gleichermassen beschäftigt: Wie stellen wir es an, damit der Erhalt der kulturellen Vielfalt als Fundament für ein (gutes) Zusammenleben erkannt wird?

Gilles Marchand
Generaldirektor SRG SSR
Mitglied des Executive Board EBU

 

 

Quellen:

  • Funding of public service media 2018, EBU
  • Market insights, Internet & Tech giants, Media intelligence service (Oktober 2018), EBU

 

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