Der Verband «Les Médias Francophones Publics» und die Fake-News

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Von Mathieu Callet, Präsident von Radio France, und Gilles Marchand, Direktor RTS

Veröffentlicht am 24. April 2017 in Le Temps.

Montag, 24. April 2017, der Tag nach dem ersten Wahlgang in Frankreich: Zehn journalistische und technische Mitarbeitende von Radio Télévision Suisse belegen von 7 bis 9 Uhr das Studio 411 im «Maison de la Radio» in Paris. Sie gestalten für den Radiosender die Morgensendung auf La Première, die zeitgleich bei RTS Un in der Schweiz über den Bildschirm geht. Ein knappes Dutzend Gäste kommt zu France Info und wechselt weiter zu RTS.

Eine ganz neue Zusammenarbeit, ein Beispiel für die neuen Beziehungen zwischen den Radio- und Fernsehsendern des Service public in der Schweiz und in Frankreich im Rahmen von «Les Médias Francophones Publics». Der Verband besteht seit April 2016 und umfasst zehn französischsprachige Gruppen, d. h. 19 Fernseh- und 23 Radiosender aus Belgien, Kanada, Frankreich und der Schweiz, von denen zwei die ganze Welt abdecken (TV5 Monde und France24).

Fake-News grassieren im Internet weltweit auf den sozialen Netzen und in den Suchmaschinen. Daher setzen sich die französischsprachigen Medienvertreter des Service public seit einem Jahr freiwillig für die Stärkung der Meldungen mit hohem Qualitätsniveau und echtem Informationsgehalt ein. Hierbei stützen sie sich auf eine permanente Zusammenarbeit mit einfachen und wirksamen Mitteln, sowohl auf inhaltlicher als auch auf technologischer Ebene.

Eine Absage an die Angstmacherei

Die innovativen Erfahrungen mit journalistischen Synergien, die der Rundfunk für die frankophone Bevölkerung Belgiens RTBF gemacht hat, haben Radio France, France Télévisions, France Médias Monde und das französische Institut für Audiovisuelles INA inspiriert, eine digitale Plattform namens Franceinfo zu gründen. Franceinfo bedeutet neuen Auftrieb für den vor dreissig Jahren gegründeten ersten reinen Nachrichtenradiosender gleichen Namens und hebt ihn auf die Ebene eines globalen Mediums mit dem grössten Publikum im Web.

Die Zusammenarbeit im Dienst der journalistischen Interessen ist sehr effizient: So haben die Fachleute für Sicherheit und Terrorismus aller beteiligten Redaktionen einen gemeinsamen digitalen Dienst entwickelt, über den sie in Echtzeit alle von ihnen gesammelten Informationen zu französischsprachigen dschihadistischen Ablegern austauschen.

Ihre Rechercheergebnisse fliessen in eine gemeinsame, äusserst zuverlässige Datenbank ein, damit sie selbst in Krisenzeiten neue Meldungen und Informationen umgehend analysieren und interpretieren können. Die Entschlüsselung von Ereignissen durch Service-public-Medien gestaltet sich so deutlich reichhaltiger und zugleich stringenter. Hiermit heben sich die beteiligten Medien deutlich von der hektischen Angstmacherei zahlreicher reiner Nachrichtensender ab.

Unterschiedliche Blickwinkel

Dank diesem vertieften Hintergrund lassen sich grobe Karikaturen und Vereinfachungen vermeiden. Man gewinnt auch an Einsicht in die Probleme der heutigen Gesellschaft: Zu den ethisch komplexen Fragen der Leihmutterschaft etwa arbeiten Originalreportagen aus den einzelnen französischsprachigen Ländern in Nordamerika, Afrika und Europa verschiedene Standpunkte und Auswirkungen heraus. Dies ist unsere tägliche Arbeit, deren Ergebnisse man auch auf TV5 Monde findet.

Wir sprechen dieselbe Sprache, die unsere gemeinsamen Werte und Erinnerungen vermittelt, doch unser Empfinden und unsere Wahrnehmungen unterscheiden sich durchaus, sind manchmal sogar gegensätzlich: Genau das macht unseren Reichtum aus, genau deshalb sind wir bereit, eine Zukunft im Zeichen des Dialogs, eine Zukunft ohne starre, aufoktroyierte Weltbilder anzugehen. Wie sagte schon Blaise Pascal: «Was diesseits der Pyrenäen Wahrheit ist, ist jenseits Irrtum.»

Ein Zeichen gegen eine Kultur, die alles infrage stellt

In einer grenzenlosen Medienwelt, in der die Digitalisierung alle bestehenden Referenzen und alle Autoritätsdiskurse infrage stellt, in der die immer unkontrollierbarere Informationsflut eine Kultur des Zweifels wachsen lässt, bietet der Schulterschluss der «Médias Francophones Publics» ein solides Bezugssystem. Dies gilt ganz besonders vor den grossen Wahlen in unseren Ländern, in denen sich ganz unterschiedliche Visionen unserer Gesellschaft gegenüberstehen.

Die Medien des Service public stehen – gemeinsam mit anderen Akteuren, insbesondere im Printbereich – im Dienst der Meinungsvielfalt, der Diskussion und der Meinungsfreiheit. Ohne diese Medien sind Meinungsbildung und funktionierende Demokratie undenkbar.

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