Die Macht der Gemeinschaft in einer digitalen Welt

Die digitale Revolution lässt sich am besten mit einer Flutwelle vergleichen, die sich ohne Rücksicht auf Verluste ihren Weg bahnt. Entstanden ist sie um die Jahrtausendwende. Bis heute ist sie zu enormer Grösse angeschwollen. Sie überrollt alle Grenzen, Gewohnheiten und Überzeugungen. Sie wirft alles über den Haufen. Als Erstes hat sie das Verhalten des Publikums erfasst, das heute ein ganz anderes Verhältnis zu den Medien hat. Weniger als eine Generation hat ausgereicht, um diese Beziehung von Grund auf zu ändern.

Neue «Medienzeiten»

Zwei grosse Trends haben sich herauskristallisiert. Der Zugriff auf die Medien erfolgt nicht länger linear, sondern à la carte, laufend und grundsätzlich mobil. Beim Medienkonsum entwickeln sich so neue «Zeit-Räume». Speziell die auf dem (Arbeits-)Weg verbrachte Zeit wird nun als Medienzeit genutzt, wobei der digitale Medienkonsum dem klassischen nicht etwa das Wasser abgräbt, sondern ihn bereichert. Und da sich inzwischen auf fast alle Inhalte sehr leicht zugreifen lässt, nehmen diese neuen «Medienzeiten» immer weiter zu.

Mit den Gewohnheiten des Publikums haben sich auch seine Erwartungen verändert. Heutzutage sind sie unspezifisch, unbeständig und fragmentiert. Die Bindung an einen bestimmten Radio- oder Fernsehsender ist weggefallen, gesucht wird heute themenorientiert.

Horizontal statt vertikal

Heute gehorchen die Beziehungen zu den Medien nicht länger einer massiv vertikalen Logik mit einem omnipotenten Anbieter, der über die Art der angebotenen Inhalte und über den Zeitpunkt und das Medium der Ausstrahlung entscheidet. Heute stellt sich die Konsumlogik deutlich horizontaler dar. Das Publikum trifft seine Wahl selbstständig, nascht einmal hier und einmal dort vom Angebot. Es fordert die Anbieter und ihre Journalistinnen und Journalisten heraus und hinterfragt ihre Beiträge. Tatsächlich hat sich die Medienlogik von einer machtgeprägten, einigermassen autoritären Haltung zu einer grösstenteils partizipativen Angebotshaltung gewandelt. Und damit hat sich alles verändert.

Diese neuen Verhaltensweisen wirken sich auf die Programmkonzepte und die Ausstrahlung von Inhalten aus. Wir müssen Formate entwerfen, die sich mit oder ohne Unterbrechungen konsumieren lassen. Wir müssen bedenken, dass sie wahrscheinlich auf unterschiedlichen Geräten angesehen werden. Wir müssen uns darauf einstellen, dass man sie (allenfalls harsch) kommentiert. Kurz gesagt: Wir müssen anpassungsfähig sein.

Entmaterialisierung der Produktionslinie und neue Kompetenzen

Auch unsere technischen Ausrüstungen, Kameras und Studios werden von diesen Trends erfasst und stehen vor einem radikalen Umbruch. Die herkömmliche Broadcast-Logik wird von einer IT-Logik und die K7-Kassette von einem elektronischen Verzeichnis auf einem Server abgelöst.

Die Produktionskette entmaterialisiert sich somit voll und ganz. Unsere neuen Ausrüstungen sind digital. Sie amortisieren sich wesentlich rascher, werden dabei aber nicht billiger in der Anschaffung. Daher stehen die meisten Medienunternehmen vor grossen Finanzierungsproblemen.

Neue Ausrüstungen verlangen auch nach neuem Know-how. Die Berufssparten im Medienbereich befinden sich in einem tiefgreifenden Wandel und stehen gerade bildungstechnisch vor einer grossen Herausforderung. Die Gefahr besteht, dass Fachleute mit wertvollem Wissen, die es nicht schaffen, sich an diese neue digitale Welt anzupassen, ausgegrenzt werden.

Einst angesehene Berufe – Kamera, Regie, Journalismus – verlieren nebenbei innerhalb von weniger als einer Generation stark an Prestige.

Um den Kreis zu schliessen: All diese Entwicklungen führen schliesslich dazu, dass die Geschäftsmodelle der Medien massiv durchgerüttelt werden. Die Werbemittel orientieren sich online und verlassen die traditionellen Medienkanäle. Zum ersten Mal seit ihrem Entstehen begegnen sich Fernsehsender und Zeitungen auf demselben Terrain – dem Internet.

Starke Spannungen zwischen der Presse und den audiovisuellen Medien, zwischen privaten und öffentlichen Anbietern sind die Folge. Erstere sind zu Unrecht der Meinung, dass die Macht der letzteren gebrochen werden müsse, wenn der Privatsektor überleben soll. Und da sie auch über einigen politischen Einfluss verfügen, kommt es zu einer explosiven Mischung, die sich in unablässigen Angriffen auf den Service public, seine Legitimität und seine Finanzierung Luft verschafft.

Tatsächlich stellt diese Entwicklung unser Land vor grundlegende Fragen, hat es doch bis jetzt die Kunst eines harmonischen Zusammenlebens in kultureller Vielfalt gepflegt. Diese Kunst lässt sich allerdings nur mithilfe von Bindegliedern pflegen – an erster Stelle mithilfe von starken öffentlichen und privaten Medien.

Finanzielle Solidarität zwischen den Sprachregionen als Basis

Wir stehen vor zwei grossen Herausforderungen. Die Erste bezieht sich auf das Prinzip der Gleichwertigkeit der in den einzelnen Regionen unseres Landes verfügbaren Leistungen, ohne Blick auf Grösse oder wirtschaftliche Macht. Die SRG ist das beste Beispiel für diese Art von finanzieller Solidarität. Die Deutschschweiz generiert 71 Prozent der Einnahmen unserer Gruppe (aus Gebühren und Werbung), aber nur 45 Prozent davon verbleiben auch bei ihr. Die Westschweiz trägt 25 Prozent der Einnahmen bei, erhält aber 33 Prozent der Mittel. Die Einnahmen aus der italienischsprachigen Schweiz belaufen sich im Schnitt auf 4,5 Prozent, während 22 Prozent der Mittel in diese Region fliessen.

Mit einer Zerschlagung des Service public würde auch dieser Ausgleich zerstört – mit schwerwiegenden Folgen für die Minderheitsregionen. Es geht hier um das Konzept «Schweiz» – wie wir die Schweiz sehen.

Zunehmender internationaler Konkurrenzdruck

Unsere kritische Grösse stellt die zweite Herausforderung dar. Machen wir uns nichts vor: Unsere französischsprachige Region, unsere Städte sind in der grossen, weiten, gut vernetzten Welt kaum wahrnehmbar.

Die «allmächtige» SRG fällt im Medienbereich mit ganzen 1,6 Milliarden Dollar ins Gewicht, während Netflix schon bei 5 Milliarden steht, Facebook bei 13 Milliarden, Time Warner bei 27 Milliarden, Walt Disney bei 50 Milliarden, Google bei 66 Milliarden, Amazon bei 89 Milliarden und Apple bei 183 Milliarden Dollar! Das sind die wirklichen internationalen Marktgrössen, die auch auf unseren kleinen lokalen Markt drängen. RTS hat nicht mit La Télé, Léman Bleu oder Canal9 zu kämpfen. Das Angebot dieser Lokalsender ergänzt das unsrige. Unsere Konkurrenten sind France TV, M6, TF1, Youtube und Facebook, die mit hundertmal mehr Mitteln ausgestattet sind, die sie in publikumswirksame Beiträge und schlagkräftige Technologien investieren.

Was tun?

Die erste Chance bietet sich auf inhaltlicher Ebene: Wir müssen unsere Inhalte verankern und in einen Kontext stellen. Eine offene, dynamische und innovative französischsprachige Schweiz. Das sind wir, das ist unser Mehrwert, das ist unsere Story, und diese Story erzählen wir. Ohne Zittern oder Zaudern.

Allianzen sind unsere zweite Chance. In der Schweiz sind wir zu klein, um uns zu bekriegen. Wir müssen uns gegenseitig stärken. Nicht nur in der Medienwelt, sondern auch als öffentliche Akteure mit vergleichbaren und kompatiblen Zielen. Es geht darum, soziale Bindungen in unseren Regionen und Städten zu stärken, zu informieren und aufzuklären, zu diskutieren. Kurz: ein Gefühl der Zusammengehörigkeit zu entwickeln.

Service public, Universitäten und Hochschulen schmieden starke Partnerschaften

Unser Standort am Quai Ansermet in Genf liegt mitten im Herzen eines urbanen Campus. Sciences II zur Linken, Uni Mail zur Rechten, die Umweltwissenschaften in einem neuen, gerade fertiggestellten Gebäude am Boulevard Carl Vogt. Wir unterhalten zahlreiche Kooperationen mit Forschenden im Rahmen einer Internetplattform, die wir zusammen mit den Universitäten des «Triangle Azur» (Universität Genf, Universität Lausanne und Universität Neuenburg) erstellen. Hier entsteht ein Netz aus über 1500 Wissenschafterinnen und Wissenschaftern, deren Beiträge erfasst und in verschiedenen Kontexten angeboten werden.

Auch am Standort der ETH Lausanne haben wir grosse Pläne mit dem Bau eines neuen, offenen Produktionszentrums für Radio, Fernsehen und Web mitten auf einem der dynamischsten Campus der Welt und spannenden Partnerschaften in den Bereichen Archivierung, Produktion von Inhalten und Medieninnovation.

Lebenswichtige  Kooperationen für die Zukunft der Westschweiz

Wir müssen unsere Kräfte und unsere Mittel bündeln. Die französischsprachige Schweiz ist eine wunderbare Region, die unserem Land und der Welt einiges zu bieten hat. Damit wir aber unsere Aufgabe wahrnehmen und weiterhin in französischer Sprache Nachrichten senden, Spiel- und Dokumentarfilme produzieren, weltberühmte Orchester unterstützen und unsere Sportlerinnen und Sportler in alle Stadien der Welt begleiten können, müssen wir Allianzen und Partnerschaften schmieden, die für uns alle von Nutzen sind.

Gilles Marchand

Rede anlässlich der Conférence de Coordination des Villes de Suisse Romande vom 18. März 2016

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