Effizienz, Unterscheidbarkeit und Kooperationen

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Ein Interview von Francesco Benini in der NZZ am Sonntag über die geplanten Spar- und Reinvestitionsmassnahmen der SRG.

NZZ am Sonntag. Sie haben gerade eine Niederlage erlitten. Sind Sie enttäuscht? 

Gilles Marchand. Eine Niederlage? Weshalb meinen Sie?

Sie wollen das Radiostudio Bern nach Zürich transferieren. Der Verwaltungsrat der SRG verlangt nun zusätzliche Abklärungen, nachdem sowohl die Belegschaft als auch Politiker heftig gegen die Verlegung protestiert haben. Ihr Plan wird kaum aufgehen.

Sie ziehen voreilige Schlüsse. Mit dem Verwaltungsrat hat eine sehr sachliche Diskussion stattgefunden. Dass es eine zweite Runde gibt, ist normal. Wir müssen die Wirtschaftlichkeit der Verlegung detailliert erheben und darlegen, wie sich das Radio im digitalen Bereich weiterentwickeln wird.

Um die Wirtschaftlichkeit eines solchen Projekts zu prüfen, braucht man doch kein halbes Jahr.

Falsch. Der Auszug eines Teils des Radiostudios würde bedingen, dass die SRG ihren Hauptsitz in die Berner Innenstadt verlegen würde. Voraussetzung dafür ist allerdings, dass wir Nachmieter für unsere Büros am Stadtrand finden. Solche Abklärungen brauchen Zeit.

Der Föderalismus könnte zum Stolperstein werden in Ihren Sparbemühungen.

Nein. Auch mit dem Sparpaket, das wir jetzt schnüren, kann die SRG ihre föderalistische Verankerung behalten. Worum geht es? Wir wollen weniger Geld für unsere Immobilien ausgeben. Das tun wir nicht nur in der Deutschschweiz, sondern auch in der Westschweiz und im Tessin.

Beeindrucken Sie die heftigen Proteste gegen die Verschiebung des Radiostudios nicht?

Für einige Bedenken habe ich Verständnis. Es geht ja nicht darum, sämtliche Journalisten aus Bern abzuziehen. Heute rücken die Medien aber zusammen, Audio und Video kommen sich näher, es gibt neue Vektoren, die Verteilung multipliziert sich. All dies erfordert eine gewisse professionelle Nähe. In der ganzen Schweiz wie in ganz Europa. Hier geht es auch darum, die Zukunft unserer Produktionen zu sichern.

Sie halten an Ihrem Plan fest.

Der Prüfungsprozess geht weiter; im Herbst wird ein Entscheid gefällt. Seltsam ist, dass manchmal die gleichen Leute, die mehr Effizienz von der SRG fordern, empört sind, sobald wir uns entsprechende Schritte überlegen.

Die SRG will jetzt 100 Millionen Franken pro Jahr einsparen und 20 Millionen davon reinvestieren. Bleiben 80 Millionen. Diese Summe ist nicht riesig bei einem Budget von 1,6 Milliarden.

Ich habe nie gesagt, dass uns diese Sparanstrengungen in existenzielle Nöte bringen. Wichtig ist, dass unsere Programme möglichst wenig betroffen sind. Darum setzen wir bei den Kosten für die Immobilien, die Infrastruktur und die Informatik an. Wir müssen aber auch 250 Stellen streichen. Das ist nicht nichts.

Können Sie Entlassungen vermeiden?

Nein. Zuerst wollen wir aber mit unserem Sozialpartner darüber sprechen. Im Vordergrund stehen sicher natürliche Abgänge, Frühpensionierungen – und eine restriktive Besetzung freier Stellen.

15 Millionen wollen Sie alleine in der Generaldirektion der SRG einsparen. Hat Ihr Vorgänger Roger de Weck zu gross angerichtet?

So kann man das nicht sagen. Wir erbringen hier bei Distribution und Informatik Leistungen für alle Unternehmenseinheiten und werden versuchen, dies günstiger zu tun. Am ambitioniertesten sind wir im Bereich der Immobilien. Wir möchten, dass die SRG ihre Fläche um 30 Prozent reduziert. Wir geben in diesem Bereich jedes Jahr 100 Millionen Franken aus. Es muss mit weniger Mitteln gehen, wobei unsere Organisation der Arbeit angepasst werden muss.

Sie wollen, dass die Programme der SRG an Profil gewinnen.

Sie sollen sich stärker von den Programmen und den Online-Plattformen privater Anbieter unterscheiden.

Die neue Staffel der erfolgreichen Krimiserie «Wilder» wird ein Jahr später ausgestrahlt als angekündigt. Gewinnt man so an Profil?

Wir investieren künftig wesentlich mehr in fiktionale Programme als bisher. Wir wollen mehr Serien machen und sie auf Deutsch, Französisch und Italienisch zeigen. Dass die neue Staffel von «Wilder» ein wenig später gezeigt wird, ändert daran nichts.

Haben Sie die Absetzung der Talkshow «Aeschbacher» angeordnet?

Nein, für eine solche Entscheidung gibt es die Programmdirektion. SRF muss sich mit 20 Millionen am Sparpaket beteiligen. Das geht leider nicht, ohne das Programm anzutasten – wobei die Eingriffe so zurückhaltend wie möglich erfolgen.

Sie steigen aus dem Werbevermarkter Admeira aus. Wieso?

Ich bin immer noch überzeugt, dass die gemeinsame Vermarktung von Werbung für Presse, TV, Radio und Online richtig ist. Unsere Beteiligung stiess jedoch auf Widerstände. Wir haben unsere Aktien verkauft und ermöglichen damit anderen Marktteilnehmern den Einstieg. Die Werbung der SRG wird aber nach wie vor von Admeira vermarktet. Und wir sind zuversichtlich.

Sie kommen damit den privaten Medienunternehmen entgegen. Das tun Sie auch, indem Sie online auf Nachrichtenbeiträge verzichten, die keinen Bezug zu den Audio- oder Videobeiträgen der SRG haben.

Die Medienhäuser sind in einer delikaten Lage. Ihre Werbeeinnahmen sinken. Darum wollen sie ihre Kunden dazu bewegen, für Online-Informationen etwas zu bezahlen. Wir respektieren dies. Eine gute Zusammenarbeit mit privaten Anbietern ist mir wichtig. 42 Schweizer Unternehmen nützen bereits unsere Shared-Content-Plattform, über die sie unsere Video-Beiträge nutzen können. Eine ähnliche Plattform ist im Bereich unserer Archive geplant. Und im August wird eine gemeinsame Plattform aller interessierter Radiostationen gestartet, öffentliche und private. Wir reagieren damit auf Plattformen wie Spotify und andere.

Das neue Mediengesetz von Bundesrätin Leuthard sieht vor, dass private Online-Anbieter ebenfalls Gebühren bekommen. Die SRG könnte damit Einnahmen verlieren.

Wir nehmen im Rahmen der Vernehmlassung Stellung zum Gesetz. Ich erachte es als richtig, dass es ein «Medien»-Gesetz ist, und kein Radio- und TV-Gesetz. Aber es gibt auch einige Herausforderungen. Ein weitergehendes Gebührensplitting könnte zum Beispiel die Produktionskapazitäten in der Schweiz gefährden.

Warum?

Wir investieren jedes Jahr 40 Millionen in Filmproduktionen. Das ist im Markt absolut nicht refinanzierbar. Weitet man das Gebührensplitting aus, müssten wir bei Filmen Abstriche machen, was sehr schade wäre. Ausserdem kann man mit weniger Mitteln von uns im TV kein Vollprogramm erwarten, das einen Marktanteil von 30 Prozent erreicht. Man überlässt dann das Feld deutschen, französischen und italienischen Anbietern. Will man das?

Die SRG erreicht zurzeit sehr viele Zuschauer mit der Übertragung aller Spiele der Fussball-WM. Das werden Sie künftig kaum mehr können, weil private Anbieter um die Übertragungsrechte buhlen.

Die Rechte zu bekommen, wird schwieriger, ja. Und es treten neue Akteure auf den Markt. Mit Bezahlangeboten erreicht man aber ein kleineres Publikum. Die Sportverbände wissen das und wollen eine grosse Reichweite. Sport ist für das Wir-Gefühl sehr wichtig, er ist für die SRG ein Kernelement. Darum kämpfen wir dafür, die Übertragungsrechte zu behalten.

Wann ernennen Sie Nathalie Wappler zur neuen Direktorin von Schweizer Radio und Fernsehen?

Die Stelle ist ausgeschrieben worden. Der Verwaltungsrat der SRG erhält vom zuständigen Gremium der SRG-Deutschschweiz vor Ende Jahr einen Vorschlag für die Wahl. Ich begleite natürlich den Prozess. Direktor von SRF zu sein, ist ein anspruchsvoller Job. Es gibt nicht viele Leute, die dafür in Frage kommen.

Kurz vor der Abstimmung über «No Billag» sagten Sie, dass Sie müde seien. Sind Sie es immer noch?

Nein. Ich bin erleichtert. Das sehr klare Abstimmungsergebnis hat der SRG eine neue Legitimation verschafft. Der politische Druck nimmt ein wenig ab. Aber es ist klar, dass wir uns reformieren müssen. Zum Beispiel in der Digitalisierung. Wir arbeiten an einer digitalen Plattform für die ganze Schweiz. Die Nutzer werden sich à la carte ihre Fernsehprogramme zusammenstellen können. Ein Beispiel: Sie reisen gerne in die Toskana.

Lieber in die Emilia-Romagna.

Aha. Sie erhalten auf der Plattform Empfehlungen für Programme über diese Region. Auch aus der Westschweiz oder der italienischsprachigen Schweiz mit Untertiteln. Die Plattform schlägt Ihnen Programme vor zu Themen, die Sie interessieren. Das wird ein grosser Schritt für die SRG.

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