Fokus auf den Service Public

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Interview in Salveo Magazin, Nr. 09, Frühling 2017. Das Gespräch führte Alfred Saint-André.

Gilles Marchand, zurzeit Direktor der RTS (Radio Télévision Suisse). Wurde kürzlich zum Generaldirektor der SRG ernannt. Seine Funktion übernimmt er am 1. Oktober 2017. Angesichts des stark umkämpften Markts und der politischen Spannungen liefert er uns seine Visionen zum Service Public und erzählt von seinen Ambitionen und Herausforderungen.

– Sie kamen von den Printmedien, als Sie zum Direktor des Westschweizer Fernsehens (damals TSR, heute RTS) gewählt wurden. Was war für Sie zu Beginn vor allem überraschend in der neuen Funktion?

Audiovisuelle Medien haben mit den Printmedien überhaupt nichts zu tun. Es ist eine andere Welt, mit eigenen Regeln und Herausforderungen. Man glaubt oft, dass alle Medien sich ähnlich sind, weil sie die gleichen Themen bearbeiten. Dies ist ein grosser Fehler und ruft viele Missverständnisse hervor, die die aktuelle Debatte über die Medien beeinträchtigen. Das Fernsehen vereint verschiedene Ebenen, die nur im gemeinsamen Nebeneinander Erfolg haben können. Die künstlerische Seite fasst Kulisse, Licht, Umsetzung, Musik usw. zusammen. Die journalistische Komponente beinhaltet Recherchen, Interviews, Dokumentationen usw. Auch die juristischen Fragen zu den Urheber- und Verbreitungsrechten nehmen einen wichtigen Platz ein. Hinzu kommen gewerbliche und produktionstechnische Elemente, die kostenintensiv sind und über mehrere Jahre hin amortisiert werden müssen, genauso wie die dazugehörigen Gebäude. Schliesslich gilt es auch, die politische Dimension zu beachten. Der Auftrag des Service Public und der Erlös aus Werbung und Kommerz müssen sorgfältig gegeneinander abgewogen werden. Alles ist sehr komplex und wird von aussen so nicht wahrgenommen. Ich habe ein ganzes Jahr gebraucht, um das Ausmass dieser Vielfalt zu erfassen. Im Vergleich zu den Printmedien sind zwei weitere starke Merkmale des Fernsehens zu erwähnen: Im audiovisuellen Bereich läuft alles im Team ab, ein Alleingang wie beim Schreiben oder am Radio ist ausgeschlossen. Zudem ist Fernsehen sehr direkt und emotional, man bleibt nicht unberührt gegenüber den starken Persönlichkeiten, die einem begegnen.

– RTS ist stark in der Region verankert. Das Gleiche gilt für die entsprechenden Anbieter in der Deutschschweiz, dem Tessin und dem rätoromanischen Teil. Was ist anders in der Romandie?

Das Welschland ist offen gegenüber dem französischsprachigen Raum und der Welt. Unsere Beziehungen zu unserem grossen französischen Nachbarn und Paris – unserer kulturellen Hauptstadt – sind gut und unkompliziert. Die Westschweiz ist innovativ, dynamisch und lebt die französischsprachige Schweizer Identität. In der Schweiz und im französischsprachigen Raum sind wir eine Minderheit, was kein Problem darstellt. Unsere internationalen und schweizerischen Partner anerkennen unsere Qualitäten. All dies prägt auch die RTS. Wir sind ein Abbild der Westschweiz, deshalb ist das Publikum mit unseren Programmen verbunden. Es findet sich in ihnen wieder.

– Seit einiger Zeit wütet die Debatte über den Service Public. Wie definieren Sie diesen? Welches ist seine Rolle?

Der Service Public ist ein Dienst an der Öffentlichkeit. Wir sind beauftragt, uns an die ganze Bevölkerung zu richten. Kein Bevölkerungsteil darf vernachlässigt werden, sei er zu alt, zu jung, zu arm oder zu ungebildet! Deshalb müssen wir alle Programmbereiche abdecken können, Allrounder bleiben. Der Service Public achtet auch weitere Grundwerte. Er steht für unabhängige und ausgewogene Information, sodass sich jeder und jede eine eigene Meinung bilden kann. Dies ist in unserer direkten Demokratie von grosser Wichtigkeit. Zudem muss der Service Public das Kulturschaffen unterstützen, in Film und Musik investieren und dabei die Archive pflegen. Kurz, er muss sich um das künstlerische Schaffen kümmern, damit sich in der Gesellschaft ein Gemeinschaftsgefühl entwickeln kann.

– Ist die Frage des nationalen Zusammenhangs angesichts des Service Public überhaupt noch relevant?

Unbedingt, dies ist ein entscheidender Faktor, insbesondere in einem mehrsprachigen und multikulturellen Land. Die SRG erlaubt es mit ihrem solidarischen Finanzierungssystem, dass alle drei grossen Sprachregionen von ähnlichen Dienstleistungen profitieren können, unabhängig von ökonomischen oder demografischen Verhältnissen. Damit gibt es keine minderwertige Medienkonsumenten. Dies ist der Schweizer Pakt!

– Welche Gefahr geht von der Initiative «No Billag» aus?

Dies ist sehr einfach. Wenn die Initiative angenommen wird, wird die SRG sofort und ganz verschwinden. Diese Initiative will in der Schweiz einen gebührenfinanzierten Service Public abschaffen. Die RTS, deren Budget 75 Prozent Rundfunkgebühren aufweist, würde verschwinden. Tagesschau, Temps Présent, 36,9, Passe-moi les jumelles, Sport und Filme … all dies würde auf einen Schlag aufhören. «No Billag» würde auch den privaten Radio- und Fernsehstationen riesige Probleme aufbürden, weil diese ja auch Rundfunkgebühren beanspruchen. Achtung! Es gibt keinen Plan B. Diese Initiative muss wuchtig abgelehnt werden. Wenn nicht, werden wir in der Schweiz einen veritablen Wildwuchs vorfinden, wo deutsche, französische und italienische Kanäle mit den digitalen amerikanischen Plattformen in Wettstreit geraten würden … Ein wahrer Alptraum für den nationalen Zusammenhalt!

– Man kann nicht über die Zukunft von RTS oder generell der SRG reden, ohne die digitalen Herausforderungen anzusprechen. Können Sie Schritt halten?

 Ja, wir können mithalten. In der Westschweiz bieten wir unsere Inhalte seit 2001 auf Internet an. Entwickelt wurden auch wichtige Apps wie RTS INFO oder RTS SPORT. Mit unseren Kollegen von der SRG haben wir einen nationalen «Player» geschaffen, wo alle Sendungen in allen Sprachen live oder als Aufzeichnung abgerufen werden können. Auch in den Sozialen Medien bieten wir Schnittstellen zu einer Vielzahl unserer grossen Sendungen. Und seit Kurzem gibt es den ersten Sprachroboter, den Bot, der das leichte Auffinden unserer Programme ermöglicht. All dies passiert im Interesse des Publikums, das unsere Inhalte leicht und problemlos nutzen will. Ich glaube auch, dass ein Service Public die Aufgabe hat, das Publikum in dieser digitalen Revolution zu begleiten und ihm die Neuerungen näherzubringen. Wir sollten auch vorbeugend und warnend wirken gegenüber der digitalen Welt, insbesondere im Bereich des Datenschutzes. Neue Methoden und Prozesse werden sich durchsetzen, künstliche Intelligenz wird das gesellschaftliche Leben beeinflussen. Dies alles erfordert unsere Aufmerksamkeit. Wir müssen kommunizieren und zum öffentlichen Diskurs beitragen. Versuchen, das Beste zu packen und das Schlimmste abzulehnen, uns der Unterwerfung durch digitale Utopien entziehen. Dies sind alles grosse Herausforderungen der Gesellschaft. Ja, wir halten Schritt, aber nicht um jeden Preis. Wir dürfen nicht naiv akzeptieren, was aus dem Silicon Valley kommt!

– Sie wurden kürzlich zum Direktor der SRG ernannt und übernehmen Ihre Funktion am 1. Oktober 2017. War dies Teil Ihres Karriereplans?

Überhaupt nicht! Mein Berufsleben besteht aus einer Aneinanderreihung von Zufällen und unvorhersehbaren Ereignissen. Ich kalkuliere nie, setze mich aber vorbehaltlos für meine Aufgaben ein. Vielleicht erhalte ich gerade deshalb immer wieder interessante Angebote. Und ich liebe die Medien, kenne ihre unterschiedlichsten Facetten. Ich habe Zeitungen und Magazine geführt, bei Radio, Fernsehen und Internet gearbeitet, ohne dabei die Distanz des Soziologen zu verlieren, der ich auch bin. Kein Karriereplan also, vielmehr eine Abfolge von passenden Unvorhersehbarkeiten …

– Von der regionalen Führungsfunktion steigen Sie nun in die nationale Führungsetage auf. Macht es Ihnen etwas Angst?

Ja. Ich wäre nicht ehrlich, wenn ich sagen würde, dies liesse mich kalt … Ich werde in einer anderen Sprache arbeiten, mein Leben und dasjenige meiner Familie umkrempeln, eine 1,6 Milliarden schwere, sehr exponierte öffentliche Organisation mit 6000 Mitarbeitenden führen. Es ist mir bewusst, dass ich ständig öffentlich angegriffen werde und meine Entscheide kritisiert werden. Und das alles in einem schwierigen politischen Umfeld, wo öffentliche Dienste infrage gestellt werden. Und als Tüpfelchen auf dem i sind wir einer Volksinitiative ausgesetzt, die unser Verschwinden fordert. Es handelt sich ehrlich gesagt nicht um einen Erholungsspaziergang. Aber ich muss zugeben, dass dieser maximale Risikozuschlag auch sehr stimulierend ist. Man lebt nur einmal!

– Welches werden Ihre ersten Herausforderungen oder besser gesagt Baustellen sein?

Ich glaube, man sollte versuchen, Ruhe in die Debatte rund um das Mandat der SRG zu bringen. Ihren Auftrag grundlegend diskutieren, professionell, ohne viele Emotionen, und dann in Kenntnis der Sachlage Entscheidungen treffen. In unseren audiovisuellen Bereichen gibt es kaum einen Plan B. Wenn wir etwas aufgeben, gibt es sehr wenige, die das Verlorene wieder aufnehmen könnten. Denn die kleine Schweiz ist von mächtigen Nachbarn umgeben, sie erreicht die kritische Grösse nicht, um die Produktionskosten für meine grosse Verbreitung aufzutreiben. Wenn wir also unseren Aktionsradius verkleinern, muss dies im Wissen um die entsprechenden Folgen geschehen. Weiter möchte ich wieder normale Berufsbeziehungen mit den Pressekollegen aufnehmen. In der kleinen Schweiz sollten wir uns nicht gegenseitig zerpflücken. Klar, die Presse leidet, als ehemaliger Redaktor kann ich das nachvollziehen. Ich werde den Kollegen aber zu verstehen geben, dass wir weder ihr Problem noch ihre Lösung sind. Der Presse geht es nicht besser, nur weil es der SRG schlechter geht. Schlussendlich hat die Anpassung der SRG – der Firma und ihrer Programme m– an die digitale Entwicklung sicher höchste Priorität. Wir müssen die Grundsteine legen für den Service Public von 2025!

– Zum Schluss noch eine persönliche Frage: Was sind Ihre Hobbys? Wie lassen Sie Druck ab?

Ich muss keinen Druck loswerden, weil ich nicht unter Druck stehe … Ich mache zwar kaum einmal Pause, aber ich habe auch nie gross unterschieden zwischen privatem und beruflichem Leben. Alle Leidenschaften vermischen sich ständig. Ich reise viel, verbringe kurze Aufenthalte überall, da kann ich auftanken. Ich begegne vielen verschiedenen Menschen. Da mein familiärer Umkreis im gleichen Rhythmus funktioniert, läuft das bestens.

– Führen Sie einen besonderen Lebensstil, auferlegen Sie sich Einschränkungen oder unterwerfen Sie sich einer bestimmten Disziplin, um mit Ihrem befrachteten Terminkalender umzugehen?

Nein, ich brauche rund sechs Stunden Schlaf. Ansonsten nichts Besonderes. Wie jedermann mache ich ein bisschen Sport und, sobald ich kann, gehe ich gern im Wald oder in den Bergen reiten. Ich glaube, dass ein gutes persönliches Gleichgewicht von einer guten Balance abhängt zwischen dem, was man macht, und dem, was man ist. Deshalb brauche ich keinen Coach oder Fitnesstrainer!

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