Gilles Marchand

Glauben, glauben lassen – und was nach der Wahrheit kommt

«Glauben und glauben lassen» – zwei Konzepte, die den Homo mediaticus in einer Zeit begleiten, in der sich Big Data, künstliche Intelligenz, Prognosen und Empfehlungen und auch die Manipulation rasant schnell und in einem nie dagewesenen Ausmass weiterentwickeln.

2016 hat die Redaktion des Oxford Dictionary «post-truth», postfaktisch, zum Wort des Jahres erkoren. Der Begriff beschreibt – ich zitiere – «Umstände, in denen objektive Fakten weniger Einfluss auf die Bildung der öffentlichen Meinung haben als Appelle an Gefühl und Glauben». So gesehen sind Wahrnehmungen, Meinungen und Geschichten mindestens genauso wichtig wie Fakten.

Das Konzept ist nicht neu, schon die Sophisten im antiken Griechenland kannten es. Heute aber erleben die Halbwahrheiten einen regelrechten Boom, den die grenzenlosen Verbreitungs- und Kommunikationsmöglichkeiten regelrecht beflügeln.

Sich mit dem Konzept «glauben» zu befassen, passt also bestens in unsere Zeit. Ein Konzept mit recht vagen Merkmalen, die Kant treffend zusammenfasst, wenn er sagt: «Aller Glaube ist nun ein subjektiv zureichendes, objektiv aber mit Bewusstsein unzureichendes Fürwahrhalten.»

Glauben ist nicht wissen

Glauben ist nicht wissen: Darauf läuft jeder wissenschaftliche Ansatz hinaus. Denn glauben heisst, etwas ohne jeden Beweis, ohne zwingenden Grund für wahr halten. Glauben heisst auch, von seinen Überzeugungen zu sprechen. Wenn Sie wissen wollen, was und woran jemand glaubt, hören Sie ihm zu.

Umfrageinstitute mit ihren unermüdlichen Meinungsforschern, die Mutmassungen über Überzeugungen anstellen, werden das nicht bestreiten. Auch wenn sie nicht immer richtig liegen, wie nur schon die jüngsten Prognosen zu Grossbritannien und den USA zeigten.

Diese Dichotomie von Wissen und Glauben wird untersucht, namentlich von Wissenschaftshistorikern, die sich für Wissenschaftspraxis interessieren und die Rolle, die Überzeugungen und Glaube bei Naturforschern, Mathematikerinnen oder auch Physikern gespielt hat.

Treibjagd

Wer könnte ernsthaft meinen, die Welt des Wissens und die Welt des Glaubens berührten sich nicht? Irrationales gesellt sich gern zu Rationalem …

Das gilt in besonderem Mass im Journalismus. Er pendelt ständig zwischen einer – im Grunde agnostischen – Suche nach Fakten und der Versuchung, mitunter gepaart mit Bequemlichkeit, sich von einem kollektiven, irrationalen Gefühl mitreissen zu lassen, das über Ruf, Sieg oder Niederlage entscheidet.  Dieses Gefühl nennen einige zu Recht «die herrschende Meinung» – andere derber «Treibjagd».

Hier sei auf den Soziologen Gérald Bronner verwiesen, der skizziert, wie wir in grossen Schritten ins Zeitalter der Leichtgläubigkeit marschieren. Er hat ein Buch über die «Demokratie der Leichtgläubigen» veröffentlicht.

Narzistische, angenehme Filterblasen

Das kritische Denken scheint sich derweil weltweit zu verflüchtigen. Die Informationsflut und stetig weiterentwickelte Empfehlungsstrategien, die auf der Auswertung personenbezogener Daten beruhen, tragen das Ihrige dazu bei. Sie zielen darauf ab, uns in wohlige, selbstverliebte Blasen einzupacken, in denen Neugier und Zufall ausgeschlossen sind.

Sind wir letztlich dazu verdammt, zu glauben, wo wir nicht wissen können? Auf die Medien bezogen lassen sich verschiedene Ebenen ausmachen, um der Frage nach «glauben» und «glauben lassen» nachzugehen. Und die Ebenen verändern sich tiefgreifend und schnell. Zum einen der Umbruch bei den Kommunikationsmitteln: Der Digital Shift hat das Virtuelle ermöglicht, das Illusion und Künstlichkeit einen Anstrich von echt und wahr verleiht.

Dann hat sich der Status von Sender und Empfänger gewandelt: Der Sender wird vom Empfänger umgangen, letzterer wird selbst immer aktiver und generiert seinerseits Informationen. Schliesslich erlangen Fakten neue Status: Heute gibt es echte, verfälschte, falsche, erfundene Fakten. Eine neue Erzählart macht sich breit, die «alternativen Fakten» und trendigen «Fake News» einen fruchtbaren Boden bereitet.

Service public muss auf Vertrauen setzen

Für Service-public-Unternehmen wirft das tiefgreifende Fragen auf. Ethische Fragen zuerst. Was müssen wir tun, wenn wir es «richtig» machen wollen? Wie können wir sicherstellen, dass wir Fakten und keine Überzeugungen vermitteln? Wie machen wir Meinungen klar erkenntlich?

Zweitens berufliche Fragen: Welche Grenzen setzen wir der Informationsvermittlung? Wie prüfen wir die Zuverlässigkeit der erhaltenen Daten, wie die Absichten der Quellen? Muss alles gesagt, alles gezeigt werden? Falls nein, nach welchen Kriterien entscheiden wir?

Objektivität wie Qualität lassen sich nicht verordnen. Beide Werte sind zu stark geprägt vom sozio-kulturellen Kontext, in dem sie wirken, um sie unumstösslich und allgemeingültig zu definieren.

Was sich festlegen lässt, ist die Absicht, der Beweggrund. Zumindest in einem Service-public-Umfeld darf die Intention nicht Manipulationsversuchen geopfert werden. Und weder kommerziellen noch politischen Zwecken dienen.

Der Service public ist es seinem Publikum schuldig, dass die Absichten allen Handelns ehrenhaft sind. Er muss daher statt auf Glauben stärker auf Vertrauen setzen.

 

in Zusammenarbeit mit Isabelle Graesslé

Eröffnungsrede am Genfer Festival «Histoire et Cité», 2017

 

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