Gilles Marchand

Service public, ein sicherer Hafen

In diesem Blog geht es nicht um die Stärke des Schweizer Frankens.

Es geht um eine Krise. Eine Krise, die unsere Gesundheit, unsere Gesellschaft und unsere Wirtschaft bedroht. Eine Krise, die sehr komplex und multidimensional ist und gerade deshalb Angst macht. Sie zu begreifen, sie zu messen, ihr zu begegnen, ist sehr anspruchsvoll; und es lässt sich im Moment tatsächlich auch kaum einschätzen, wie lange dieser Ausnahmezustand noch dauern wird.

In diesen Zeiten der Unsicherheit und Sorge ist das Bedürfnis nach Information riesig – riesig und teilweise auch widersprüchlich. Denn zwei Phänomene lassen sich beobachten:

Einerseits besteht ein übersteigertes, fast krankhaftes Bedürfnis nach laufender Information, seien es noch so haarsträubende Fake News oder abstrakte Verschwörungstheorien. Solche Meldungen schüren eher zusätzlich Ängste, als dass sie Sicherheit böten. Social Media bespielen recht selbständig dieses Tummelfeld und überfluten unsere Smartphones, Tablets und Laptops.

Andererseits gibt es präzise, konsistente Informationen, die sorgfältig gecheckt, gegengecheckt und eingeordnet wurden. Sie werden dadurch nicht erfreulicher, diese vertrauenswürdigen Informationen. Aber sie entsprechen der Realität, was der Bevölkerung die Möglichkeit gibt, sich vorzubereiten, sich so gut wie möglich auf die sich verändernde Situation einzustellen. Und sie geben uns das Gefühl, Teil einer Gemeinschaft zu sein, die dieses gigantische Problem solidarisch angeht und es zusammen erlebt und durchlebt.

Die Presse fällt unter diese zweite Kategorie. Genauso wie die Service-public-Medien. In den letzten Jahren wurde die Daseinsberechtigung ebendieser in der Schweiz heftig diskutiert. Es ging um die Rolle des Service public und um seinen Mehrwert für unsere Gesellschaft. Die Debatte wurde in ganz Europa aufgegriffen. Die teilweise kritisch debattierten Fragen drehen sich um den Leistungsauftrag, den die Service-public-Anbieter zu erfüllen haben, und darum, wie der Service public zu finanzieren sei, um sein Verhältnis zu den privaten Medien oder um das so genannte Subsidiaritätsprinzip – legitime Fragen, die immer wieder aufs Neue gestellt werden dürfen und sollen.

Dann kam die Corona-Krise, diese Pandemie, und mit ihr das verstärkte Bedürfnis nach präziser, vollständiger Information.

Die Europäische Rundfunkunion (EBU) in Genf hat europaweit ein Monitoring aufgesetzt, das das Verhalten der Publikumsgruppen gegenüber den Service-public-Medien (TV und digital) in dieser Zeit analysiert. Die Resultate sprechen für sich. Die Nutzungszahlen bei den öffentlichen Sendern sind geradezu explodiert, was auch bei vielen Zeitungen der Fall ist. Die Grafiken unten sagen mehr als Worte.

Damit steht eine wichtige Erkenntnis aus dieser beispiellosen Krise bereits fest: Wenn es ernst wird, wenn eine Gesellschaft, unser aktuelles Lebensmodell im Kern bedroht ist, greifen wir auf sichere Werte zurück. Und der Service public zählt ohne jeden Zweifel dazu.

 

Gilles Marchand
Generaldirektor SRG SSR

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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