«Temps Présent» – gestern, heute und morgen

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«Temps Présent», die Sendung, die TSR und anschliessend RTS wie keine zweite geprägt hat, feiert derzeit ihren 50. Geburtstag. Der perfekte Zeitpunkt also, um festzuhalten, dass dieser berühmten Mischung aus Reportage und Dokumentarfilm die Zukunft gehört!

In einer Gesellschaft, geprägt von Schnelllebigkeit und kurzen Erzählungen, gibt es durchaus Platz für Gegenläufiges, für Erzählungen, die sich Zeit nehmen. Mit dem Aufkommen von Video-on-Demand sind die Dokumentarfilme keineswegs untergegangen, im Gegenteil. Sie sind nach wie vor gefragt, auch bei unserem jungen Publikum. Zudem sind sie das Herz und die Daseinsberechtigung des Fernsehens.

Die Sendung «Temps Présent» ist mit der Geschichte und der Identität des Fernsehens in der französischsprachigen Schweiz eng verwoben. Mehr noch: «Temps Présent» ist Teil der DNA des Service public in der Schweiz.

Ein weltoffener Service public, der sich für alles interessiert, für alle politischen, gesellschaftlichen, kulturellen und wirtschaftlichen Realitäten. Ein unabhängiger Service public, der noch weiss, was investigativer Journalismus und Produktion bedeuten, ein Service public, der Fragen stellt und dabei vor sich selbst nicht Halt macht. Neben dem rechtlichen Rahmen sind Exaktheit und hohe fachliche Ansprüche mit Sicherheit der beste Schutz für den investigativen Journalismus. Kritik annehmen, Argumente vorbringen – so lässt sich Unabhängigkeit am glaubwürdigsten legitimieren. Zuverlässigkeit und Vertrauen beruhen auf derselben Basis.

«Ein Service public, der Fragen stellt und dabei vor sich selbst nicht Halt macht …»

Hierfür gebührt den Geschäftsleitungen von TSR und anschliessend von RTS Dank, angefangen bei René Schenker bis hin zu Pascal Crittin, der heute das Kommando führt. Danken wollen wir auch allen Programmleiterinnen und Programmleitern, die diese Sendung gegen einige Stürme verteidigt haben und dabei sichergestellt haben, dass sie wöchentlich zur besten Sendezeit ausgestrahlt wird. Diese regelmässige, zuverlässige Präsenz ist von entscheidender Bedeutung, denn die Sendung bildet einen Fixpunkt. Und in unserer bis ins Kleinste fragmentierten digitalen Gesellschaft sind Fixpunkte besonders wichtig.

Die Donnerstagabendsendung «Temps Présent» ist weit mehr als ihr Inhalt; sie strukturiert die Woche in der Westschweiz. Und doch verwehrt sie sich nicht der Innovation, im Gegenteil: Die Reichweiten von «Temps Présent» auf YouTube und den digitalen Plattformen von RTS belegen es. Die beiden Distributionswege ergänzen sich.

Zusammen mit der Sendung «Panorama» der BBC oder der «Rundschau» von SRF gehört «Temps Présent» zum äusserst exklusiven Klub der «generationenübergreifenden Sendungen». Wenn man ihre berühmte Vorgängerin «Continents sans visa» mitrechnet, ist «Temps Présent» sozusagen gleich alt wie das Fernsehen in der Westschweiz. Ein Teil unserer gemeinsamen Geschichte. Einer Geschichte, an der auch die sagenumwobene Sendung «Cinq colonnes à la une» mit den Franzosen beteiligt gewesen wäre, hätten unsere Kolleginnen und Kollegen durchgehalten!

«Eine kreative Verflechtung zwischen dem Blick des Autors und der Arbeit des Journalisten …»

Bekanntlich haben Filmemacher bei der Entstehung und der Entwicklung des Fernsehens eine entscheidende Rolle gespielt: Jean-Jacques Lagrange, Claude Goretta, Alain Tanner, Michel Soutter oder später Raymond Vouillamoz drehten alle berühmte Reportagen für «Temps Présent», während sie mit Spielfilmen Karriere machten. Alle hatten aus der Westschweiz heraus eine eigene Weltsicht; aus einer Westschweiz, die schon immer Fernweh verspürte.

Dies ist meiner Meinung nach ein zentraler Aspekt in der Westschweizer Fernsehgeschichte und der Geschichte von «Temps Présent»: Diese kreative Verflechtung zwischen dem Blick des Autors und der Arbeit des Journalisten, zwischen der «hauseigenen» Reportage und der unabhängigen Produktion, hat nie nachgelassen.

Es ist kein Zufall, dass «Temps Présent» gleichzeitig wie das internationale Dokumentarfilmfestival Visions du réel in Nyon 50 Jahre alt wird. In der Schweiz ist eine weltweit anerkannte Schule des Dokumentarfilms mit ganz eigenem Know-how entstanden. «Temps Présent» ist Teil dieser Entwicklung.

Seit rund zwanzig Jahren verfügen die SRG und die Filmindustrie mit dem – im Übrigen von der Westschweiz angeregten – Pacte de l’audiovisuel über ein Instrument zur Finanzierung von Dokumentar-, Spiel- und Trickfilmen. Gerade jetzt verhandeln wir über eine Verlängerung des Pacte für die Zeit 2020–2023. Mit Sicherheit werden dieses Mal die Übertragungsrechte für digitale Plattformen für heftige Diskussionen sorgen.

Aber der Geist des Pacte ist und bleibt derselbe. Die SRG und die unabhängigen Filmproduzenten können nur gemeinsam immer und immer wieder auf tausend verschiedene Arten unsere Gesellschaft erzählen. Das ist unsere Daseinsberechtigung. Dafür müssen wir uns engagieren.

Lang lebe «Temps Présent»!

 

Gilles Marchand, April 2019
Generaldirektor SRG SSR

 

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