Gilles Marchand

«Wenn es drauf ankommt, wollen sich die Leute bei uns versammeln»

— Ein Interview von Rainer Stadler, veröffentlicht am 16. Mai 2020 in der NZZ

Auch die SRG hat seit der Corona-Krise viel mehr Publikum erreicht als zuvor. Generaldirektor Gilles Marchand erkennt ein Wiederaufleben des Lagerfeuer-Fernsehens. Er zieht auch positive Erfahrungen aus der aussergewöhnlichen Lage, wie er im Interview sagt.

 

NZZ: Gilles Marchand, wir reden hier per Skype. Auch die SRG schickte wegen der Corona-Krise viele Mitarbeiter ins Heimbüro. Welche Lehren ziehen Sie nach zwei Monaten Erfahrung?
Gilles Marchand: Es war und ist eine unglaubliche Zeit. Wir haben in weniger als zehn Tagen fast 4000 Mitarbeiter ins Home office verlagert. Wir haben rasch, agil und flexibel reagiert. Die Arbeitsweise wurde schlagartig digitaler, auch effizienter. Und ich hoffe, wir können Einiges beibehalten.

In einem Buchbeitrag schrieben Sie, dass neue Radio- und Fernsehformate innert Tagen geschaffen werden konnten, was vorher Wochen dauerte. Waren also die Arbeitsprozesse bisher immer noch zu aufwendig?
Nein, so kann man das nicht sagen. Die Krise zwang uns ein neues Tempo auf. Das Programm musste innert zwei bis drei Tagen neu organisiert werden. Die Ausnahmesituation setzte kreative Energien frei und gab den Zeitplan vor. Wir waren reaktionsschnell und kreativ, was mich sehr gefreut hat. Auch ein grosses Unternehmen wie die SRG kann also flexibel und agil handeln.

Wie reagierte das Publikum?
Wir erzielten phänomenale Einschaltquoten wie noch selten. In der Westschweiz verzeichnete die «Tagesschau» bis zu 80 Prozent Marktanteil. Ein europaweiter Vergleich zeigt, dass unsere drei «Tagesschauen» bezüglich Einschaltquoten unter den vier besten rangierten. Nur Island lag noch vor uns. Das nützte uns aber leider nichts bei der Werbevermarktung.

Diese paradoxe Erfahrung machten ja auch die privaten Medien.
Als bemerkenswert erachte ich die Rückkehr des Live-Fernsehens. Wir wurden zu einem neuen digitalen Dorfplatz. Das heisst: Wenn es drauf ankommt, wollen sich die Leute bei uns versammeln. Das ist eine gute Nachricht. Das lineare Fernsehen bleibt wichtig.

Die meisten Medien konnten in dieser Phase stark zulegen. Was lief bei der SRG vor allem gut?
Erstens die «Tagesschauen». Zweitens die Spezialsendungen zu Corona. Nach einer Woche stellten wir fest, dass Nachrichten allein nicht genügen. Wir bauten auch die Unterhaltung aus, eine andere Form der Unterhaltung, zeigten mehr Spielfilme und tagsüber mehr Schulfernsehen.

Wie war die Nachfrage beim Radio?
Hier verzeichneten wir keine spektakulären Zuwächse. Die Radionutzung hängt von der Mobilität des Publikums ab. Da weniger Pendler unterwegs waren, wuchs auch die Nutzung weniger.

Unterhaltung fand ebenso mehr Zuspruch?
Ja. Und interessanterweise musste es nicht immer «High Quality» sein. Im Tessin hat RSI-Direktor Maurizio Canetta eine neunzigminütige Diskussionssendung mit dem Publikum gemacht. Er allein im Studio mit Skype-Schaltungen Das kam gut an. Bei RTS machten wir einen Unterhaltungsabend, wo Comedians per Skype auftraten. Das war zwar technisch nicht perfekt, schuf aber eine Community. Die Krise hat ein neues Gemeinschaftsgefühl zwischen uns und dem Publikum erzeugt.

Aber diese Rückkehr zum Lagerfeuer-Fernsehen funktioniert wohl nur in Krisen, oder erkennen Sie etwas Nachhaltiges?
Eine interessante Frage. Klar, in Krisen geht das besser, und die Toleranz gegenüber technischer Imperfektion ist grösser. Aber wir können daraus lernen, dass wir nicht immer 5-Sterne-Qualität liefern müssen. Es kann durchaus legitim sein, manchmal etwas weniger geschliffene Programme zu produzieren. Das können wir weiterverfolgen.

Also gibt es auch noch Sparpotenzial. Man könnte also da und dort weniger aufwendig produzieren?
Man kann die Dinge immer anders denken und anders machen. Ein Beispiel: Wir haben im April eine Serie über ein kleines Spital in Nyon während der Krise realisiert. Nur ein Journalist und ein Regisseur waren dafür im Einsatz in einer kleinen Wohnung in Nyon. Das Resultat war eindrücklich, nah und berührend. Solche Experimente finde ich spannend.

Eben, die Arbeitsprozesse waren bisher immer noch zu aufwendig.
Jeder Mitarbeiter möchte seine Produktion möglichst gut machen und strebt die beste Qualität an. Das ist eine normale Einstellung. Die Corona-Krise zeigte, dass wir auch anders arbeiten können, wenn es notwendig ist. Das geht natürlich nicht in allen Fällen.

Ein anderes Thema: In der Südschweiz nehmen ein paar RSI-Journalisten Kommunikationsaufgaben für die Kantonsregierung wahr. Schadet das nicht der Staatsunabhängigkeit der SRG?
Das war nicht glücklich und wir liessen das auch untersuchen In journalistischer Hinsicht hat RSI gut gearbeitet. Es gab also keine konkreten negativen Auswirkungen. Aber es ist ein Wahrnehmungsproblem. Und das müssen wir ändern.

Zu Beginn der Stilllegung des Landes verbreitete der Bundesrat Mitteilungen über SRG-Kanäle. Schadet dies nicht auch dem Image der SRG als unabhängiger Berichterstatterin?
Wir sind dazu gesetzlich verpflichtet. Für mich ist es ok., wenn absolut klar ist, dass die Mitteilungen nichts mit unserem Angebot zu tun haben.

Am Anfang hat die SRG ziemlich regierungstreu informiert. Was sagen Sie den Kritikern, die sich in ihrem Vorwurf der allzu grossen Staatsnähe der SRG bestätigt sehen?
Es gibt in solchen Krisensituationen drei Phasen. In der ersten Etappe geht es darum zu erzählen, was vor sich geht. In der zweiten Phase folgt das Erklären und Begleiten. Und in der dritten Phase folgt nun eine Debatte darüber, was richtig ist, was man hätte besser machen können und was weiter zu tun ist. Man kann nicht behaupten, dass die SRG und auch andere Medien diese Debatten nicht führen würden. Insgesamt haben wir als Service public-Unternehmen eine sehr korrekte Arbeit gemacht und ich bin stolz darauf.

Kommen wir aufs Finanzielle zu sprechen. Der Bundesrat der SRG fürs nächste Jahr 50 Millionen Franken mehr zugesprochen. Wie haben Sie das geschafft?
Wir haben dem Bundesamt für Kommunikation unsere schwierige Lage dargelegt. Insbesondere sind die Werbeeinnahmen in den vergangenen Jahren sehr stark zurückgegangen. Das ist für uns schwierig, weil unser Auftrag derselbe geblieben ist. Und trotz dieser Unterstützung müssen wir weiterhin sparen.

Wie profitiert das Publikum von diesem Zustupf?
Wir können damit einige harte Sparmassnahmen vermeiden.

Was hätten Sie denn eingespart, wenn Sie die zusätzlichen Millionen nicht erhalten hätten?
Wir hätten wohl beim Programm kürzen müssen. Es bleiben uns nicht mehr viele Sparmöglichkeiten, die keine Wirkung aufs Programmangebot hätten.

Heisst das, dass Sie insgesamt glimpflich aus der Coronakrise herauskommen?
Das würde ich so nicht sagen. Die Unterstützung erhalten wir ja erst ab 2021. Viele Werbekunden haben ihre Aufträge sistiert gestoppt. Sportanlässe und Gross-Events fallen aus – und damit auch unsere Übertragungen. Dafür müssen wir Ersatz schaffen, gerade auch im Sommerprogramm. Es ist allerdings noch zu früh, um genaue Angaben zu den finanziellen Ausfällen machen zu können.

Die zu schaffenden Programme werden wohl billiger sein als die ausfallenden Sportanlässe mit ihren teuren Übertragungsrechten.
Ja und Nein. Die Sportrechte sind teuer. Aber wenn wir Live-Sport senden können, ist die Minute nicht so teuer wie die Herstellung einer Eigenproduktion. Wir sprechen hier nicht von ein oder zwei neuen Sendungen, vielmehr müssen wir im Sommer das Angebot neu aufstellen.

Können Sie nicht beziffern, wie gross die Werbeverluste sind seit der Coronakrise?
Wir hatten zu Beginn Ausfälle in Millionenhöhe, aber wir wissen noch nicht, wie das weitergeht. Es kommt darauf an, ob die Werbeaufträge zurückkommen. Wenn nicht, wird es sehr schwierig. Ich hoffe, dass die guten Einschaltquoten uns helfen werden, nach dem Sommer wieder mehr Werbung zu verkaufen. Der Trend ist allerdings schwierig für alle Medien. Allein in den letzten drei Jahren haben wir 60 Millionen Werbefranken weniger eingenommen. Und dieses Jahr ist ein Rückgang im zweistelligen Millionenbereich möglich.

Schauen wir ein bisschen weiter voraus: Verliert die Werbung bei der SRG wie bei ARD und ZDF an Bedeutung? Rechnen Sie gar mit einem Szenario ohne Werbung?
Ganz ohne Werbung hätten wir noch einmal etwa 150 Millionen weniger Einnahmen. Das wäre nicht machbar. Dann bräuchten wir einen höheren Anteil der Medienabgabe, um unseren viersprachigen, dezentralisierten Programmauftrag zu erfüllen. Eine SRG mit oder ohne Werbung ist aber eine politische Entscheidung. Und eine Erhöhung des Anteils an der Medienabgabe scheint im Moment nicht realistisch. Ich denke, dass es ohne eine SRG-Beteiligung auf dem Schweizer Fernsehwerbemarkt schwierig würde für alle. Auch die Schweizer Unternehmen hätten kaum Freude daran.

Mit der Auslagerung der Werbevermarktung an Admeira hat sich die SRG einen Bärendienst erwiesen. Wie geht es da weiter?
Admeira hat den Fokus nun auf TV-Werbung. Damit sind wir nun strategisch gut aufgestellt, die Entwicklung ist ermutigend trotz dieses schwierigen Corona-Jahres.

Hat die Auslagerung die Vermarktung der Werbeplätze nicht erschwert?
Bei der Gründung der Werbeallianz vor fünf Jahren fand man, dass es richtig sei, alle Mediengattungen unter einem Dach zu vermarkten. Leider hat diese Vision nicht gut genug funktioniert. Zudem hat sich der Markt anders entwickelt. Der Trend hin zum Digitalen verstärkte sich. Admeira ist nun aber klar auf die Fernsehvermarktung fokussiert und hat ein sehr gutes Team. Deshalb bin ich zuversichtlich.

Bleiben wir noch beim Finanziellen. In den vergangenen Jahren hat die SRG ihren Programm- und Produktionsaufwand deutlich gesenkt, im Vergleich zum Vorjahr um rund 90 Millionen Franken. Gibt es weitere Sparmöglichkeiten?
Die gibt es immer. Wir haben unsere Effizienz aber bereits ganz enorm gesteigert. Wir sind sehr fit.

Sie haben die Verbreitung über DVB-T, also über Zimmer- und Dachantennen eingestellt.
Ja. Damit konnten wir zehn Millionen einsparen. Nur noch knapp zwei Prozent unserer Zuschauenden nutzten diese Technologie. Und dennoch muss man solche Schritte immer sehr gut in der Öffentlichkeit erklären.

Nun wollen Sie aber eine technisch bessere Version des hochauflösenden Fernsehens einführen. Kostet das nicht mehr Geld?
Wir schauen uns das an, sind aber nicht die Treiber. Da gab es diese Woche etwas irreführende Schlagzeilen. Wir müssen einfach bereit sein, falls sich diese UHD-Technologie durchsetzen wird. Ich denke, dass die heutige Bildqualität bereits sehr gut ist.

Mit dem Verkauf von Immobilien und Grundstücken hat die SRG in jüngster Zeit die Bilanz stark verbessert. Sind da die Potenziale nun ausgereizt?
Wir konnten mit der angestrebten Reduktion unserer gesamten genutzten Fläche auch einige gute Gewinne erzielen und dieses Geld in moderne Infrastrukturen reinvestieren. Wir erneuern momentan einige unserer alten Gebäude, um die Unterhaltskosten zu reduzieren, die Effizienz zu steigern – weniger Fläche mit mehr Flexibilität. Beispielsweise mit dem Projekt Campus in Lausanne oder dem Newsroom in Zürich Leutschenbach.

Wie sieht es in Bern aus? Die Umstrukturierungen beim Berner Studio stiessen auf heftigen Widerstand. Wie viel kann man nun tatsächlich einsparen?
Ab Ende 2021 erfolgt der Umzug, wobei die Nachrichtenredaktionen nach Zürich ziehen, während die Magazinredaktionen in Bern bleiben, wie es die neue Audiostrategie von SRF vorsieht.  Weil der Spareffekt weniger gross ist, müssen rund zwei bis drei zusätzliche Millionen in Bern von der Radioredaktion und der Generaldirektion eingespart werden. Zudem vermieten wir sukzessive einen Teil unseres Gebäudes an der Giacomettistrasse.

Die Generaldirektion wollte von der Giacomettistrasse ins zentraler gelegene Radiostudio umziehen. Geschieht das nun nicht?
Die Generaldirektion bleibt im Ostring. Hingegen zieht unsere Unternehmenseinheit Swissinfo von der Giacometti- an die Schwarztorstrasse in Bern. So entsteht dort ein journalistisches Zentrum mit vielen Synergie-Möglichkeiten. Insgesamt also eine gute Lösung. Bern bleibt ein starker journalistischer Standort der SRG.

Insgesamt gesehen: Wird die SRG dieses Jahr wieder rote Zahlen schreiben?
Im vergangenen Jahr lief es operativ gut, aber wir schrieben wegen Rückstellungen für die Sparmassnahmen – wie angekündigt – ein Defizit. Für dieses Jahr können wir noch keine verbindlichen Prognosen machen. Es wird aber wohl ein schwieriges Jahr bleiben. Und für 2021 besteht eine Unsicherheit in Bezug auf die Kosten für die Sportrechte an Veranstaltungen, die dieses Jahr wegen Corona ausfallen. Das ist ein Risiko, das wir nicht in unserer Finanzplanung voraussehen konnten. Bisher rechneten wir für 2021 nicht mit einem negativen Geschäftsergebnis.

Vor anderthalb Jahren sagten Sie, dass Sie 250 Stellen abbauen. Ist das schon vollzogen, und wie viele Personen wurden entlassen?
Der Prozess und unsere Sparprogramme laufen ja noch. Wir bauten bis jetzt rund 100 Arbeitsplätze ab. Zumeist über natürliche Abgänge und Fluktuationen. Aber auch über Entlassungen. Es geht uns ja nicht nur ums Sparen, sondern auch um eine Transformation mit dem Ziel, neues Know-how aufzubauen.

Ein Blick in die weitere Zukunft: Die SRG hat sich strukturell auf die digitale Publizistik ausgerichtet. Wann reduziert sie ihre linearen Kanäle und stellt noch mehr auf Abruf-Programme um?
In den nächsten fünf Jahren streben wir eine Fifty-fifty-Lösung bezüglich der Nutzung an: 50 Prozent werden noch via Broadcast genutzt und 50 Prozent werden individuelle, digitale Nutzung sein. Das wird zu Umlagerungen und Anpassungen bei unseren Sendern führen. aber

Wie sieht es mit dem Projekt eines nationalen Programmangebots aus?
Wir werden dieses Streaming-Portal im Oktober lancieren. Es bietet Dokumentationen, Reportagen, Serien und Filme, kein tagesaktuellen News und Sport. Damit schaffen wir eine neue Service public-Perspektive.

Es gibt also ein Angebot zum Abrufen in allen vier Landessprachen?
Dok-Filme unserer Sender aus allen Sprachregionen werden mit Untertiteln zur Verfügung stehen und verschiedene Filme und Serien werden synchronisiert. Innovativ daran ist: Bisher hatten die Zuschauer kaum eine Ahnung davon, was in den anderen Sprachregionen gesendet wird. Hier können wir nun Brücken bauen. Dank den digitalen Möglichkeiten kann man so den Service public sinnvoll weiterentwickeln. Es ist das erste Mal in unserer Geschichte, dass wir eine nationale Plattform anbieten.

Es geht hier um bereits bestehende Produktionen der sprachregionalen Sender?
Grundsätzlich geht es um Sendungen und Formate, die über die TV-Ausstrahlung hinaus interessant bleiben. Denkbar ist aber auch, eine Dokumentation oder einen Film zuerst auf dieser neuen Plattform zu präsentieren.

Für diesen Kanal muss man sich anmelden?
Ja, es braucht ein Login, damit man die Vorteile dieser Plattform vollumfänglich nutzen kann.

Ist das ein Türchen, um bei der Log-in-Allianz der Verleger mitzumachen?
Wir sind Teil dieser Schweizer Login-Allianz, sind den anderen Medienhäusern mittlerweile nun aber sogar voraus. Weil wir bereits im Oktober mit unserer eigenen Lösung starten. Eine Kooperation mit Privaten ist später durchaus vorgesehen. Dazu gab es ja auch bereits intensive Gespräche.

Einwählen muss man sich nur für diese nationale Plattform, nicht für die Nutzung der sprachregionalen Kanäle?
So ist es. Bei den sprachregionalen Programmen, unseren Play-Plattformen, müssen Sie sich nur anmelden, wenn Sie spezifische, persönliche Angebote möchten.

Bei der Streaming-Plattform ist es aber obligatorisch?
Ja. So ist es Ihnen aber möglich, auch aus dem Ausland auf diese Plattform zuzugreifen und unser Angebot zu sehen. Das war bisher nicht möglich. Wir können individuelle Programmempfehlungen aus allen Sprachregionen machen, Eltern wiederum können einen Kinderschutz einrichten. Und Sie können die gewünschte Sprachversion auswählen. Wichtig ist: Wir werden diese persönlichen Daten nicht kommerzialisieren.

 

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