Gilles Marchand

Wir und die andern

«Wozu ist die Westschweiz gut?» – Diese komische Frage stellte die Sendung «Infrarouge» an einem Mittwoch im Oktober 2019 kurz vor den Eidgenössischen Wahlen. Eine typisch schweizerische Debatte, in der es um die Koexistenz der verschiedenen Regionen der Schweiz geht, bei der die Deutschschweiz ohne Zweifel dominiert. Eine Debatte, die über die Sprachenfrage hinausgeht und unsere kulturellen Identitäten hinterfragt. Zweifellos ein sensibles und heikles Thema. Ein Thema, das interessiert. Fast 60‘000 Westschweizer haben an diesem Herbst-Mittwoch die Sendung «Infrarouge» von Anfang bis Ende mitverfolgt.

Dieses Interesse ist historisch begründet. 1815, Wiener Kongress, die Schweiz ist gespalten. Die Vertreter von Zürich wollen keine französischsprachigen Regionen in der neu entstehenden Schweiz; andere Kantone sind da offener. Letztlich sind es die europäischen Mächte, die uns vereinen und diejenigen unterstützen, die die Westschweizer Kantone ins Schweizer System aufnehmen möchten – nicht ohne geopolitische Hintergedanken: Es gilt, die Westflanke der Alpen zu neutralisieren, und sich um jeden Preis gegen weitere Abenteuer im napoleonischen Stil innerhalb dieser zentraleuropäischen Region zu wappnen.

Ansonsten wäre die Schweiz ein deutschsprachiges Land geworden und «Infrarouge» hätte diese Debatte nicht anstossen müssen. Tätsächlich würde «Infrarouge» genauso wenig existieren wie RTS. Und die «Arena» des Deutschschweizer Fernsehens würde die TV-Debatten abdecken. Es sei auch erwähnt, dass es die Deutschschweizer sind, die die «nationale» Identität seit dem 13. Jahrhundert geprägt haben. Der Politologe und Essayist François Chérix bringt es mit der folgenden hübschen und leicht provokanten Formulierung auf den Punkt: «Die Westschweizer sind die Secondos von 1848.»

Bei genauer Betrachtung ist die Frage bezüglich der sprachlichen und kulturellen Koexistenz besonders für den nationalen Service public spannend. Sie wirft mindestens vier Schlüsselfragen auf.

1. Achtung der Kompetenzen oder Achtung der Unterschiede?
Man muss zwischen Föderalismus und Multikulturalismus unterscheiden. Das erste Konzept, das des Föderalismus, funktioniert ziemlich schweizerisch. Es handelt sich um die schweizerische Kunst von Macht und Gegenmacht. Kurz gesagt geht es um die Achtung verschiedener Kompetenzen. Der Multikulturalismus, das zweite Konzept, ist komplexer, weil es nicht nur um Sprachen geht, sondern auch um Werte, Bezugsrahmen und Denkweisen. Wahrer Multikulturalismus setzt nicht nur die Achtung der Kompetenzen voraus, sondern auch die Achtung der Unterschiede. In diesem Zusammenhang ist festzustellen, dass die Schweizer Politik und Wirtschaft, die den Ton angibt, auf Deutsch oder besser gesagt auf Schweizerdeutsch erzählt wird. Deshalb wechseln viele Französischsprachige ins Deutsche, wenn es darum geht, die Mehrheit zu überzeugen. Und in Kreisen, wo das nicht möglich ist, insbesondere in Zürich, setzt sich das Englische durch. Dies führt zu einem Austausch in einer für alle fremden Sprache, die von allen mehr schlecht als recht beherrscht wird, wodurch die Subtilität und Tiefe der Diskussionen deutlich leidet.

Die Entwicklung ist besorgniserregend, da sie letztendlich zu einer zugegebenermassen friedlichen, aber vor allem gleichgültigen Koexistenz zwischen den Regionen des Landes führt. Ausserdem besteht so die Gefahr, dass die französischsprachige Minderheit sich ausgrenzt.

2. Komplexe sind fehl am Platz!
Eine Ausgrenzung wäre insbesondere deshalb bedauerlich, weil sich die Westschweiz in zahlreichen Bereichen mit ihren Leistungen weder zu verstecken noch Komplexe gegenüber der Mehrheit zu haben braucht. Die wirtschaftliche und wissenschaftliche Dynamik am Genfersee ist nicht mehr von der Hand zu weisen. Das gilt auch für den Kultur- und Medienbereich. Zugegeben, das demografische Einzugsgebiet Westschweiz ist winzig und der Handlungsspielraum daher geringer. Aber das macht die Qualität dessen, was sich dort entwickelt, umso bemerkenswerter!

Wir gehen die Dinge in vielen Bereichen anders an als die Deutschschweizer. Aber nichtsdestrotz stehen sich die Herangehensweisen in nichts nach. Die Herausforderung besteht darin, die Westschweizer Kultur weder einzuschränken noch auf die Westschweiz zu beschränken. Nein, unsere Denk- und Handlungsweise ist für die ganze Schweiz nützlich, egal ob sie auf Französisch oder Deutsch ausgedrückt wird. Deshalb ist das feststellbare Missverhältnis bei der Vergabe öffentlicher Aufträge, die überwiegend an Deutschschweizer Firmen gehen, umso skandalöser. Das ist keine Fügung des Schicksals. Zur Erinnerung: Über 70 Prozent der Einnahmen der SRG stammen aus der Deutschschweiz, die davon nur 43 Prozent behält. Die Westschweizer tragen 23 Prozent dazu bei und profitieren von 33 Prozent. Bei den Tessinern beträgt das Verhältnis 4 zu 22 Prozent. Dieser Schlüssel ist gewollt. Und steht im Dienste der Gesamtheit. Es liegt im Interesse der Schweiz mit ihrer pluralistischen Identität, das mehr oder weniger gleichwertige Bestehen des Service public in den Hauptregionen zu gewährleisten. Die Bevölkerung liess sich nicht davon abbringen und bestätigte den Schlüssel unmissverständlich, indem sie die «No Billag»-Initiative am 4. März 2018 mit über 70 Prozent ablehnte.

3. Westschweiz, französischsprachige Schweiz
Man muss auch sagen, dass wir eine Art doppelte Identität haben.Einerseits ist da die Westschweiz, eine Stütze im Getriebe des eidgenössischen Systems, ein wesentliches Rädchen, das die schweizerische Maschinerie am Laufen hält. Wenn immer die Schweiz als Ganzes zweifelt, stützt sie sich auf ihre verschiedenen Regionen. In der Schweiz konsolidieren und stabilisieren die Minderheiten, allen voran die Westschweiz, oft fragile Situationen in der Mehrheit. Das ist im Bereich Service public schon oft vorgekommen. Die Westschweiz ist dem föderalistischen System verpflichtet und dient als wichtiger Hebel.

Und dann ist da andererseits noch die französischsprachige Schweiz. Sie verleiht uns ein internationales Flair, verbindet uns mit dem Ausland, eröffnet uns einen leistungsstarken Kulturraum – mit heute rund 300 Millionen französischsprachigen Menschen weltweit. Schätzungen gehen davon aus, dass er bis ins Jahr 2050 700 Millionen umfassen wird, insbesondere aufgrund der Bevölkerungsexplosion in Afrika. Tatsächlich hat die Tagesschau auf RTS weltweit ein grösseres Publikum als in der Schweiz. Und die wichtigsten Nachrichtensendungen von RTS werden täglich von TV5 Monde, dem weltweit führenden Vollprogrammsender, ausgestrahlt. Eine wertvolle «weiche Macht» für unser kleines Land, der jenseits des Röstigrabens nicht immer genügend Rechnung getragen wird!

4. Auf gute Nachbarschaft?
All das zeigt sich in den Beziehungen zu unseren Nachbarländern. Das Verhältnis zwischen der Westschweiz und Frankreich, dem Tessin und Italien und der Deutschschweiz und Deutschland unterscheiden sich deutlich voneinander.

Die Westschweizer und die Tessiner sprechen dieselbe Sprache wie die Bewohner ihrer grossen Nachbarn. Natürlich gibt es ab und zu einige Nachbarschaftsreibereien, aber im Grossen und Ganzen akzeptieren die Franzosen und Italiener ihre gleichsprachigen Schweizer Nachbarn. Dies spiegelt sich in der Rezeption der Programme von RTS und RSI in diesen beiden Ländern wider. Die Deutschschweizer, die klare Mehrheit in der Schweiz, fühlen sich gegenüber den Deutschen, deren Sprache sie nicht teilen, in der Minderheit. Diese widersprüchliche Identität, die zwischen Mehrheits- und Minderheitsrolle schwankt, ist zweifellos viel schwieriger zu handhaben, als der Status einer permanenten Minderheit, mit der die Westschweizer und Tessiner innerhalb und ausserhalb der Landesgrenzen konfrontiert sind.

Greifen wir also zum Schluss noch einmal die Frage von «Infrarouge» auf: Wozu ist die Westschweiz gut?

Nun, durch ihre vielfältigen Identitäten bereichert sie das eidgenössische System mit Offenheit, Kreativität, einer wertvollen Handels- und Denkweise, die sich nicht an der Bevölkerungszahl der Französischsprachigen messen lässt. Und diese etwas andere Art, die Dinge anzugehen, ist letztlich genauso wirksam, wie die, die in der Deutschschweiz den Takt angibt. Kompetenzen zu achten, ist gut. Unterschiede zu achten, ist besser!

 

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