Gilles Marchand

«Wir müssen die Programme der SRG schützen»

Ein Interview von Chefredaktor Helmut Hartung veröffentlicht am 9. Mai 2019 auf medienpolitik.net.

medienpolitik.net: Herr Marchand, in vielen Ländern Europas wird gegenwärtig über die Aufgabe und Finanzierung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks diskutiert. Vor gut einem Jahr haben sich die Schweizer gegen die No-Billag-Initiative und damit für einen durch Rundfunkgebühren finanzierten öffentlich-rechtlichen Rundfunk ausgesprochen. Inwieweit können die Schweiz und die SRG im gewissen Sinn damit auch Vorbild für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk in anderen Ländern sein?
Gilles Marchand: Die Legitimität, die Daseinsberechtigung des Service public in der Schweiz wurde während der No-Billag-Initiative ausführlich diskutiert und durch die Volksabstimmung schliesslich bestätigt. Tatsächlich kann dies als Inspiration für andere Länder dienen. Dies, weil viele unserer europäischen Kollegen diese Debatte und diese grundlegende Abstimmung mit viel Herzblut verfolgt haben.

Hinsichtlich der Finanzierung hoffe ich jedoch für meine Kollegen, dass das Schweizer Beispiel nicht unbedingt zum Vorbild wird. Dies, weil die SRG sich in einer sehr schwierigen finanziellen Situation befindet – mit einer Reduktion und einer Plafonierung ihrer Gebührengelder bei gleichzeitigem massivem Rückgang ihrer Werbeeinnahmen. Es ist wirklich ein Widerspruch, die Zustimmung von 71 Prozent der Stimmen für den Erhalt beliebter Programmleistungen zu erreichen und gleichzeitig einen Rückgang von beinahe 8 Prozent der Mittel abfedern zu müssen.

Wie ist heute nach einem Jahr die Stimmung in der Schweiz gegenüber dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk? Würde ein Volksentscheid heute genauso ausgehen wie im März 2018?
Ich glaube, die grosse Debatte zum Thema Service public hat Früchte getragen. Die Bevölkerung hat sich unmissverständlich geäussert. Die Option, dass die SRG schlicht und einfach abgeschafft wird, scheint mir einstweilen gebannt. Das heisst aber nicht, dass die SRG jetzt die Hände in den Schoss legen kann. Sie muss sich erneuern, sich an ihren neuen finanziellen Rahmen sowie an die Veränderungen in der Mediennutzung anpassen. Wie immer, wenn es um den Service public geht, benötigen Reformen viel Überzeugungsarbeit und Energieaufwand. Kurz gesagt; alle erwarten Reformen vom Service public, aber nur dort, wo sie nicht selbst betroffen sind …

Die SRG hatte im Vorfeld des Volksentscheids sehr transparent und offen agiert und ihre Position offensiv vertreten. Sie hatte dabei auch alle Möglichkeiten des Dialogs mit den Bürgern genutzt. Werden Sie diese Transparenz und Dialogbereitschaft beibehalten?
Das ist ein wesentlicher Punkt. Wir brauchen einen direkten, kontinuierlichen Dialog mit der Bevölkerung. Deshalb haben wir uns für einen transparenten Austausch mit der Bevölkerung entschieden. Vor Kurzem wurde der «Public Value Test» lanciert, um zu erfahren, wie unsere Leistungen für die Gesellschaft in der Bevölkerung wahrgenommen werden. Wir legen unsere Sendungskosten offen. Ausserdem bemühen wir uns, alle Fragen rasch und transparent zu beantworten, ob sie nun die Programme oder das Unternehmen betreffen.

Sie haben nach der Ablehnung der No-Billag-Initiative ein Reformprogramm gestartet. Was sind die Eckpunkte dieses Programms?
Es gibt drei klare Prioritäten: grössere Unterscheidbarkeit des Programmangebots und der Haltung der SRG als Service-public-Unternehmen, bessere Zusammenarbeit mit den privaten Schweizer Medien und mehr Effizienz als Antwort auf die Kürzung unserer Mittel.

Wie weit ist es inzwischen umgesetzt?
Wir haben schnell gehandelt. Hinsichtlich der Unterscheidbarkeit haben wir uns dazu entschieden, die Spielfilmproduktion zu steigern – insbesondere im Bereich TV-Serien. Und wir unterbrechen unsere in der Primetime ausgestrahlten Filme nicht mehr durch Werbung. Ausserdem werden auf unseren Online-Nachrichtenseiten keine Texte mehr ohne Audio oder Video angeboten. Und wir sind an der Vorbereitung einer neuen, mehrsprachigen digitalen Plattform, die es so bisher noch nicht gab. Auch haben wir unsere Leistungen in der Sparte Information noch einmal verstärkt, dies mit einer breiten transmedialen Berichterstattung in allen vier Landessprachen. Wir prüfen zudem die Schaffung einer mehrsprachigen Multimedia-Redaktion in Bern, die für die Themenentwicklung im Bereich Integration und nationaler Zusammenhalt vorgesehen ist. Darüber hinaus ist ein Kompetenzzentrum für internationale Nachrichten in Genf im Gespräch.

Auch bei den Kooperationen wurde in kürzester Zeit viel Fortschritt erzielt: Wir haben eine Plattform eingerichtet, auf der wir unsere Informationsvideos gratis mit anderen Schweizer Medien teilen. Bald soll ein ähnliches Angebot für unsere Archive bereitstehen. Gemeinsam mit den Schweizer Privatradios haben wir den «Swiss Radioplayer» lanciert und stellen auch unsere Audio-Newsflashs zur Verfügung. Auf dem Gebiet der technologischen Innovation haben wir unsere Pläne für eine Zusammenarbeit mit den Schweizer Universitäten, Hochschulen und Verlagen konkretisiert. Ausserdem sind wir an einem gemeinsamen «Login»-Projekt der wichtigsten Schweizer Mediengruppen beteiligt.

Die SRG ist in Europa in der einmaligen Situation, dass ein Programm in vier Sprachen geboten wird. Gibt es hier Abstriche?
Unsere besondere Situation erweist sich als Chance. Sie stellt ein Schlüsselelement für unsere «Raison d’être» – unsere Daseinsberechtigung – und unsere Einzigartigkeit dar. Für die SRG ist es unerlässlich, ihre sprachliche und kulturelle Vielfalt zu bewahren. So gesehen kann der öffentliche Rundfunk der Schweiz tatsächlich als europäisches Versuchslabor betrachtet werden. Ich bin mir sicher, dass unsere deutschen, französischen und italienischen Kolleginnen und Kollegen die Entwicklung unserer mehrsprachigen digitalen Plattform mit grossem Interesse verfolgen werden – mit einer unternehmensweiten Themengestaltung, mit Synchronisierungen und Untertitelung in vier Sprachen. Wir sind in der Lage, etwas Derartiges zu entwickeln, weil wir an einem Grossteil der von uns produzierten Programme auch die Rechte innehaben. Im fiktionalen Bereich stimmen wir uns mit unseren Co-Produzenten ab.

Wenn man diese Informationen liest, könnten Kritiker des öffentlich-rechtlichen Rundfunks sagen: «Es geht doch». Ist es wirklich möglich, in einer solchen Grössenordnung in kurzer Zeit ohne Substanzverlust zu sparen?
Wir haben bei den Infrastrukturen, insbesondere bei unseren Gebäuden und der Produktion, in Bezug auf Investitionen, Standards und Prozesse einiges Sparpotenzial identifiziert. Wir werden unsere Distributionskosten deutlich senken und haben unsere Verwaltungskosten strikt gedeckelt. Leider sehen wir uns auch gezwungen, rund 200 Stellen zu streichen. Zum jetzigen Zeitpunkt versuchen wir unsere Programme so gut wie möglich zu schützen. Jedoch sind auch hier Auswirkungen zu erwarten, insbesondere im Unterhaltungsbereich.

Ab Juni wollen Sie die terrestrische Verbreitung des Programms, auch über DVB-T, einstellen. Damit ist das Schweizer Fernsehen in den deutschen Grenzregionen aus Lizenzgründen in den Kabelnetzen nicht mehr zu empfangen. Wird darunter nicht die gute Nachbarschaft und die grenzüberschreitende Zusammenarbeit leiden?
Ja, ich verstehe diese Sorge. Man muss aber auch in Betracht ziehen, dass DVB-T nur noch von 1,4 Prozent der Schweizer Bevölkerung genutzt wird. Der Aufwand dafür aber ist mit mehr als zehn Millionen Franken pro Jahr sehr gross. Zudem schreibt uns die seit Anfang Jahr neu gültige Konzession des Bundes die Abschaltung des DVB-T-Signals bis spätestens Ende 2019 ausdrücklich vor.

Ich glaube, dass es in Zeiten mit starkem wirtschaftlichem Druck besser ist, die Programminhalte statt deren Vertriebswege zu schützen. Es gibt aber auch Alternativen. Gerne weise ich darauf hin, dass unsere Programme in Deutschland via «SRF info» verfügbar sind. Das Einzige, was nicht verfügbar ist, sind Wiederholungen von Sportsendungen und Filme, an denen wir die Rechte nur für die Schweiz erwerben können.

Aber 3sat bleiben Sie weiterhin treu?
Ja. 3sat ist für uns ein wichtiges Angebot, ein Fenster zur deutschsprachigen Welt, in dem sich die Schweiz präsentieren kann. Das Gleiche gilt für TV5 Monde, wodurch wir Zugang zur französischsprachigen Welt haben. Dazu kommt SWI swissinfo.ch, der internationale Dienst der SRG, der sich an die ganze Welt richtet. Die Schweiz verdankt ihre Bekanntheit und einen Grossteil ihres Erfolgs nicht zuletzt der internationalen Strahlkraft ihrer Sendungen. Aus diesem Grund liegt mir der Auslandauftrag der SRG sehr am Herzen.

Im Juni 2018 hatte der Bundesrat seinen Entwurf für das neue Bundesgesetz über elektronische Medien (BGeM) vorgestellt. Inwieweit wäre die SRG vom gegenwärtigen Gesetzesentwurf – der stark umstritten ist – betroffen?
Die SRG befürwortet im Grundsatz ein Mediengesetz anstelle eines Radio- und Fernsehgesetzes, weil die Medienintegration Herzstück unserer Strategie ist. Zurzeit werden zahlreiche Stellungnahmen zum Gesetzesentwurf vom Bund geprüft. Auch die SRG hat Stellung bezogen und dabei verschiedene Themen hervorgehoben – so zum Beispiel das Einfrieren ihrer kommerziellen Einnahmen aus dem digitalen Geschäft.

 

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