Gilles Marchand

Ein neuer «Pacte de l’audiovisuel» für mehr Schweizer Fiktion auf allen Bildschirmen

Pacte-Unterzeichnung vom 24. Januar 2020

 

Die SRG hat entschieden, zusätzliche Mittel ins Schweizer Filmschaffen zu investieren. Damit stellt sie für alle Genres zusammengenommen jährlich über 50 Millionen Franken bereit. Konkret sieht das neue Abkommen, das die SRG, die Schweizer Filmbranche und die unabhängigen Produzenten bindet, 5 Millionen Franken zusätzlich vor. Das Engagement der SRG im Rahmen des Pacte steigt dadurch auf 32,5 Millionen pro Jahr.

Die SRG fällte diesen Entscheid aus strategischen Gründen, denen drei Überlegungen zugrunde liegen – eine soziokulturelle, eine mediale und eine professionelle bzw. industrielle Logik.

Bemerkenswert und anspruchsvoll ist diese Entwicklung besonders angesichts des für uns äusserst schwierigen wirtschaftlichen Umfelds: Einerseits wurden die Empfangsgebühren gesenkt und gleichzeitig gedeckelt und andererseits brechen die Werbeeinnahmen drastisch ein.

Dieser Kontext ist nicht nur schwierig, sondern auch widersprüchlich. Denn unser Pflichtenheft wurde nicht etwa dünner – im Gegenteil, gemäss Konzession werden neue Anforderungen an uns gestellt.

Wir alle waren über die Ablehnung der «No Billag»-Initiative am 4. März 2018 sehr erfreut. Das klare Nein wurde von der audiovisuellen Branche in ganz Europa begrüsst. Doch der Erfolg darf uns nicht die Augen vor der Realität verschliessen lassen. Nichts ist einfach, nichts ist endgültig entschieden, nichts ein für alle Mal erreicht.

Unser Budgetrahmen zwingt uns zu Kürzungen und Restrukturierungen. Gleichzeitig steigen unsere Investitionen in den Spielfilm signifikant. Warum also haben wir diesen wegweisenden Entscheid gefällt, der uns Einschnitte in anderen Bereichen abverlangt?

Erstens aus einer soziokulturellen Überzeugung heraus: Ein Land muss die Möglichkeit haben, sich über seine Fiktion, seine Geschichten, seine Vorstellungskraft mitzuteilen, zu entwerfen, zu entschlüsseln. Die SRG deckt die politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Gegebenheiten unseres Landes insgesamt gut ab und das in den vier Landessprachen. Auch beim Dokumentarfilm verfügen wir sowohl in der journalistischen wie in der künstlerischen Sparte über bewährte Erfahrung. Um von der und über die Schweiz zu erzählen, müssen wir auch unsere Spielfilmproduktion entwickeln. Die Talente sind vorhanden, aber die Produktion bleibt mengenmässig bescheiden, was insbesondere an der Mehrsprachigkeit liegt. Sein Land in Spielfilmen nach der eigenen Vorstellung darstellen zu können, ist wichtig, weil es das Zugehörigkeitsgefühl stärkt und die Erfahrung des eigenen Ichs als Teil einer politischen, soziologischen und kulturellen Einheit stärkt.

Auch das braucht es, um der Schweiz und ihren Regionen nicht nur im Inland, sondern auch international Strahlkraft zu verleihen. Werden unsere Spielfilme im Ausland gezeigt, vermitteln sie die Schweiz über die Figuren, die von Schweizer Schauspielerinnen und Schauspielern gespielt werden, und über die Landschaften, über die Darstellung von Dörfern, Städten, Bergregionen. Und wir wissen es: Wird ein Film nicht mit einer Schweizer Mehrheitsbeteiligung produziert, wird nicht in der Schweiz gedreht. Auch bei der Rollenvergabe, dem Casting, kommt die Schweiz nur am Rande zum Zug.

Deshalb haben wir entschieden, mehr in den Spielfilm zu investieren. Soweit die erste, die soziokulturelle Dimension.

Der zweite Grund ist ein medienspezifischer und betrifft das Format. Wir wollen die Serien weiterentwickeln und langfristig die Anzahl Serien auf unseren drei nationalen Programmen quasi verdoppeln. Das wollen wir durch systematisches Synchronisieren in drei Landessprachen erreichen. Diese Zielsetzung tangiert unser Engagement bei den anderen Genres – von Kinofilm über Dokumentarfilm bis zu Animation – in keiner Weise. Im Rahmen des Pacte stellen wir jährlich 9 Millionen Franken für Kinofilme bereit, eine Million davon gezielt für Animationsfilme. Zudem müsste es in Zusammenarbeit mit SRF, RTS, RSI und auch RTR möglich sein, neue Ideen und Projekte zu entwickeln, zum Beispiel bei den Dokuserien, einem äusserst spannenden Feld, das viel narrativen Freiraum bietet.

Aber warum gerade auf Serien mit fiktionalem Inhalt setzen? Drei wichtige Aspekte sprechen dafür: Erstens erlaubt uns das Format, dem Publikum, das linear Fernsehen schaut, regelmässige Termine zu bieten. Mit einer koordinierten Programmgestaltung und systematischen Synchronisierungen auf Deutsch (bzw. Schweizerdeutsch), Französisch und Italienisch erreichen wir ein fast wöchentliches Fenster im normalen Programm. Das ist ein wunderbarer Gewinn fürs Publikum, das nebenbei neue Erzählstile, neue Geschichten und neue Figuren entdeckt.

Zweitens lässt sich die Serie natürlich perfekt auf unseren VOD-Plattformen nutzen. Diesen Herbst lancieren wir eine neue Streaming-Plattform, die die SRG-Inhalte nicht mehr nach Sprache, sondern nach Genre anbietet, mit Untertiteln in einer Landessprache nach Wunsch und mit einem personalisierten Zugang zum Publikum.

Schliesslich bieten Serien talentierten Autorinnen, Regisseuren, Schauspielerinnen und Technikern schon seit Langem die Möglichkeit, ihre Ideen frei umzusetzen. Das wird nun auch in der Schweiz der Fall sein. Nimmt die Produktion zu, wird auch das Know-how der beteiligten Berufsleute steigen. Unsere Serien gewinnen an Qualität, wenn sie auch im Ausland gezeigt werden. Ohne die Verhältnismässigkeit aus dem Blick zu verlieren, können wir in der Schweiz das schaffen, was die skandinavischen Länder längst und Quebec und Belgien etwas später zustande gebracht haben.

Das heisst auch, dass sich diese Anstrengungen nicht in einem höheren Minutenpreis, sondern in einer höheren Anzahl produzierter Minuten niederschlagen müssen. Wir werden weder feste Quoten noch Regeln setzen. Wir appellieren viel eher an den gesunden Menschenverstand. Damit die strategische Ausrichtung, die die SRG in diesem so schwierigen Kontext wagt, sinnvoll ist, müssen wir es unbedingt fertigbringen, gemeinsam das Produktionsvolumen zu erhöhen, auf Deutsch, Französisch und Italienisch. Und nicht zu vergessen die Rätoromanen, die besonders bei den Webserien neue Wege ausprobieren werden.

Eine letzte wichtige Dimension kommt hinzu: die des kulturellen Erbes. Serien werden – wie unsere koproduzierten Spiel- und Dokumentarfilme – archiviert und weiterverbreitet. Sie sind Teil unseres gemeinsamen Erbes. Seit rund 15 Jahren unternehmen unsere Sender grosse Anstrengungen, um ihre audiovisuelle Produktion zu dokumentieren, zu digitalisieren und zu erhalten. Wir haben Stiftungen gegründet und investieren Jahr für Jahr viel Geld in den Erhalt dieses wertvollen Guts.

Die Schweiz kennt kein digitales Archiv wie das französische «Institut national de l’audiovisuel» (INA). Im Kern hat die SRG diese Aufgabe übernommen. Und das ist auch gut und richtig so. Denn ein Land, das nicht in der Lage wäre, sein audiovisuelles Gedächtnis zu bewahren, würde Schwierigkeiten haben, die eigene Zukunft zu entwerfen. Dieses Material werden wir ausstellen, auf unzähligen Arten. Ideen, wie das aussehen könnte, sprudeln bereits in allen Regionen. Wir werden alle verfügbare Technik dafür bereitstellen.

In unserer digitalen Gesellschaft, die mehr Zeit damit verbringt, Inhalte wieder und wieder neu zu verpacken statt neue Inhalte zu schaffen, die ihre Welt nur noch über Rechte und dazugehörige Daten definiert, hat der Service public einen unschlagbaren Trumpf im Ärmel: die Karte des eigenständigen Werks, die Karte der Relevanz.

Darauf setzen wir. Zusammen mit der Branche. Damit das gelingt, braucht es zwei Dinge: zum einen Vertrauen. Und unser Vertrauen scheint mir fest. Abgesehen von einigen konjunkturell bedingten Scharmützeln und völlig normalen Meinungsverschiedenheiten arbeiten wir vertrauensvoll zusammen. Zum anderen braucht es ein Instrument. Mit dem «Pacte de l’audiovisuel» haben wir auch das in den Händen. Und weil uns der Pacte wichtig ist, verteidigen wir ihn. Es freut mich wirklich sehr, dass wir zusammen mit den Branchenvertretern diesen neuen Pacte in Solothurn unterzeichnet haben.

 

Gilles Marchand
Generaldirektor SRG SSR

 

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