Investigativer Journalismus in Zeiten der Digitalisierung

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Demokratie funktioniert nur, wenn Recherche- und Informationsfreiheit gewährleistet sind, selbst wenn dadurch die Institutionen selbst, die diese Freiheiten gewährleisten, infrage gestellt werden. Demokratie funktioniert selbst dann, wenn diese Institutionen regelmässig von politischen Bewegungen angegriffen werden, die eine andere Auffassung von einer gut funktionierenden Gesellschaft vertreten.

Daher trägt der Service public aufgrund seines in der Verfassung verankerten Auftrags in hohem Masse Verantwortung für die Verteidigung der Recherche- und Informationsfreiheit.

Kein Monopol auf Recherche

Bei aller Verantwortung kann der Service public aber natürlich nicht das Monopol in diesem Bereich beanspruchen. Andere private Medien spielen ebenfalls eine wichtige Rolle. Der Service public verfügt allerdings über zuverlässigere Finanzquellen und hängt weniger von kommerziellen Einnahmen ab. Damit steht er auch unter geringerem Druck. Zudem werden die Medien selbst von den Bürgerinnen und Bürgern zur Recherche und Information angehalten.

Zwei Aspekte sind hier entscheidend: Einerseits das Aufkommen des «Whistleblowing» und andererseits die unmittelbare, weltweite Verbreitung von Meldungen über die sozialen Netze. Beide Phänomene hängen direkt mit der Digitalisierung der Gesellschaft zusammen. Mit der elektronischen Datenerfassung und der zunehmenden Digitalisierung der Gesellschaft ist «Big Data» auf den Plan getreten: Mit ein wenig Geschick – und manchmal auch fragwürdigem Hacking –eröffnen sich unendliche Datenräume und Datenbearbeitungsmöglichkeiten.

Jeder und jede kann heutzutage Meldungen verbreiten. Die Medien haben ihre Funktion als «Filter» verloren: Ideen und Inhalte werden nicht länger zwangsläufig durch die traditionellen Medien gefiltert, denn diese lassen sich heute gut umgehen. Die Hauptfunktion der Journalistinnen und Journalisten als «Informationslieferanten» wird infrage gestellt. Schlimmer noch: Die von ihnen vermittelten Informationen werden genauestens durchleuchtet, mitunter angefochten, häufig ergänzt – von Augenzeugen oder Beteiligten vor Ort, wo die klassischen Journalisten aus Zeit- oder Geldmangel oft gar nicht mehr hinkommen.

Wer der Ansicht ist, dass ein kritischer und unabhängiger Blick auf die Gesellschaft für eine funktionstüchtige Demokratie unabdingbar ist, muss heute feststellen, dass diese Aufgabe inzwischen von zwei Instanzen wahrgenommen wird: von den Medienschaffenden und der Bevölkerung. Worin unterscheiden sich diese beiden Instanzen? Ein Hauptunterschied besteht darin, dass die Journalistinnen und Journalisten über professionelles Know-how verfügen und ethische Grundsätze sowie klare Standesregeln einhalten. Sie prüfen die Angaben und gleichen sie ab. Sie lassen sich nicht aufs Glatteis führen oder instrumentalisieren.

Transparenz ohne Grenzen in der digitalen Gesellschaft

Vereinfachung, Bequemlichkeit und Halbwissen sind somit die ersten gefährlichen Einflussfaktoren. Je kritischer der Blick auf die Medienschaffenden ausfällt, desto strikter müssen diese sich an ihre beruflichen Standesregeln halten. Abweichungen von diesen Regeln können verheerende Folgen haben, denn sie werden rasch aufgedeckt, angeprangert und stellen die Legitimität der Medien infrage.

Ein zweiter wesentlicher Unterschied besteht darin, dass die Bürgerinnen und Bürger nicht selten nackte, unmittelbare Angaben liefern, die von den Journalisten in einen Kontext gestellt werden müssen. Nur wer über Hintergrundinformationen verfügt, kann den Meldungen den richtigen Stellenwert beimessen und sich eine eigene Meinung bilden. Aber sich mit Hintergründen vertraut zu machen ist natürlich zeitaufwändig. Und Zeit ist kostbar.

Für die Journalisten eröffnet sich hier ein erstes Spannungsfeld: Die digitale Gesellschaft stellt die Transparenz über alles und vergisst darüber gerne, dass Transparenz durchaus relativ sein kann: Einblicke erhält man auch durch schmutzige Fenster. Ob sie aber immer relevant sind?

Die Kunst des Storytelling

Storytelling steht im Zentrum des zweiten Spannungsfelds: Heute wird es nicht nur von öffentlichen Institutionen, sondern auch von privaten Unternehmen gerne und gut praktiziert. In beiden Fällen finden sich erfahrene Journalisten, die die Seite gewechselt haben und nun ihr Know-how und vor allem ihre Verbindungen zu den Medienredaktionen gewinnbringend nutzen.

Der wirtschaftliche Druck auf die Medienverlage verschlimmert das Problem zusätzlich. «Embedding» ist so viel bequemer und rentabler. Wieso soll man sich nicht gleich eine Story oder quantitative Daten, die sie untermauern könnten, liefern lassen?

Hier geht es um die Zeit, die für Recherchen zur Verfügung steht. Es geht auch um die Kosten oder den wirtschaftlichen Druck seitens der Unternehmen auf die Redaktionen – beispielsweise Zahlungsaufforderungen und Androhungen von kostspieligen Verfahren. Gute Anwälte kosten Geld, das zuerst verdient sein will. Manche Journalisten machen sich daher gar nicht mehr die Mühe und kapitulieren von Vornherein. Dies wird als «Hypokorrektur» bezeichnet.

Patriot Act und Notstand

Die Regulierung und der rechtliche Rahmen bilden das dritte Spannungsfeld. Der Staat kann den freien Zugang zu Informationen einschränken, wobei die betreffenden Ausnahmebestimmungen nicht selten zu einem Dauerzustand werden, wie der Patriot Act oder die Ausrufung des Notstandes belegen. Dieses Risiko dürfte in der Schweiz allerdings weniger ausgeprägt sein. Problematisch sind hier eher die Wahrung der Privatsphäre, der Persönlichkeitsschutz und die Transparenz.

Hiermit kommen wir zum Kern des Problems: Wo positioniert sich der Journalismus mit seinen Standesregeln und Chartas im digitalen Umfeld? Wie bewegt man sich in dem von «Big Data» aufgespannten Raum? Wie lassen sich Unmittelbarkeit und Kontextualisierung vereinbaren? Vielleicht über neue Allianzen zwischen kompatiblen Medien, in Form von professionellen Netzwerken mit gemeinsamen Ansätzen und Werten und einem grösseren Pool an finanziellen Mitteln und Know-how. «Les Médias Francophones Publics» (MFP) gehen mit gutem Beispiel voran: 5000 ihrer Journalisten haben soeben ein Netzwerk von Terrorismusexperten gegründet.

Eines steht fest: Medienschaffende stehen von drei Seiten unter Beschuss – Bevölkerung, Unternehmen und Staaten – und müssen daher ihre beruflichen Wertvorstellungen entsprechend hoch ansetzen. Zugleich müssen sie aufpassen, dass sie nicht gegen Windmühlen kämpfen. Es geht nicht mehr um Scoops, sondern um eigenständige, nachgeprüfte und in einen Kontext gestellte Beiträge, die Stellung beziehen. Die Zukunft des Journalismus lässt sich nur mit Differenziertheit und einem langen Atem sichern. Wer schneller sein will als die Augen- und Ohrenzeugen, hat den Kampf schon verloren.

 

Rede anlässlich des Internationalen Tags der Pressefreiheit.

Gilles Marchand

Direktor von RTS

Konferenz anlässlich des Internationalen Tags der Pressefreiheit.

Links: http://www.srgssr.ch/fr/medias/archives/communique-de-presse/date/2016/pour-une-recherche-journalistique-sans-entraves/

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